Gewerkschaften zu Corona, Klima, Ukraine

Dieser Text basiert auf einem auf der Dritten Internationalen Konferenz der Antilockdownlinken im Juli 2026 in Erfurt gehalten Vortrag. 

Einleitung

Die folgenden Ausführungen basieren auf meinen Erfahrungen in und mit deutschen Gewerkschaften. Ich habe mich über 15 Jahre als zumeist freiberuflicher Rechercheur für Organizing Kampagnen verschiedener deutscher und US-amerikanischer Gewerkschaften betätigt. Daneben habe ich Forschung betrieben zu Fragen der Gewerkschaftserneuerung (union renewal) und neuer Organizing-Ansätze.

Da ich mich inzwischen selbst verrentet habe, auch als Reaktion auf die gesellschaftliche Entwicklung und wie die politische und gewerkschaftliche Linke darauf reagiert hat, habe ich den Kontakt zu den Gewerkschaften mit einigen Ausnahmen weitgehend verloren. Mein Beitrag fußt daher auf meinen persönlichen Erfahrungen in diesen Jahren und auf meinen theoretischen Kenntnissen aus der Gewerkschaftsforschung.

Corona

Die angebliche Corona-Pandemie hat bei den im DGB organisierten Gewerkschaften eine Entwicklung eingeleitet, die zwar in der Tendenz immer vorhanden war, sich aber nun mit Macht Bahn brach und dafür sorgte, daß sie heute etwas anderes sind als noch 2019.

Die DGB-Gewerkschaften hatten stets eine große Staatsnähe, die sich allerdings weiter verstärkt hatte, als sie sich in die Lohnsenkungspolitik der Regierung Schröder-Fischer (1998-2005) einbinden ließen (Agenda 2010, Hartz-Gesetze I-IV, Armuts-Tarifverträge in der Leiharbeit, allgemeine Lohnmoderation, Ausweitung Leiharbeit), sich auch nicht wirklich der begleitenden Sozialstaatszerstörung entgegenstellten und sich dem deutschen Merkantilismus anschlossen. Dazu später noch einige Worte.

Neu war seit Corona jedoch, daß die Gewerkschaftslinke, die bisher in Opposition zur Politik der Gewerkschaftsführungen gestanden hatte, nun ins gleiche Staatshorn blies, Staat und internationalen Institutionen alles glaubte und diese auf einmal als neutrale, ja gutwillige Instanzen betrachtete, denen das Wohl der Menschen am Herzen liegt. Übernommen wurde auch die von der Politik vorgenommene Markierung aller abweichender Meinungen als esoterische Spinnerei, »rechtsoffen« oder gleich als Nazi. Kontroverse Diskussionen zu Corona waren auch innerhalb der Gewerkschaftslinken definitiv nicht möglich, man stand sofort in der rechten Ecke, bestenfalls wurde nicht über Corona geredet. Konstatieren muß man auch, daß die Coronagläubigkeit innerhalb der Gewerkschaftslinken um einiges größer war als in der allgemeinen Bevölkerung.

Die Coronazeit habe ich als Freiberufler nur indirekt erlebt, durch Telefonate mit Gewerkschaftssekretären, Betriebsräten und Aktiven in der Organisierungsarbeit. Das, was ich in meinem Beitrag zur Gewerkschaftszeitung express1 geschrieben hatte, trifft wegen großer persönlicher Überschneidungen und Bekanntschaften auf die Mehrheit der Gewerkschaftslinken zu. Corona-kritische Gewerkschafter sind bis heute die absolute Minderheit geblieben.

2020 verabschiedeten sich alle Gewerkschaften ins Homeoffice und blieben dort auch, teils jahrelang. Betriebsratsseminare fielen aus, Bertriebsratsitzungen wurden online abgehalten, obwohl es keinerlei Kontrolle darüber geben konnte, wer da alles mithörte, Organisierungsarbeit fand nicht mehr statt, stattdessen engagierten sich Sekretäre und Betriebsräte bei der Anpassung der Unternehmen und Behörden an das Corona-Regime.

Die Corona-Erzählung wurde nirgendwo in Zweifel gezogen, weder auf oberer, mittlerer noch unterer Funktionärsebene, weder bei Rechten noch bei Linken. Keine Einschränkung der Grund-, Menschen- und Beschäftigtenrechte wurde zurückgewiesen; die Selektion von Beschäftigten nach Impfstatus ebensowenig, ohne daß es jemanden einen Schauer über den Rücken gejagt hätte; die staatlichen Ermächtigungsgesetze wurden nicht bekämpft, obwohl die Gewerkschaften gerade bei denen aus der Geschichte heraus (1933ff) hätten gewarnt sein müssen. Die Pandemiegesetze allein, die meines Wissens alle noch in Kraft sind, würden hinreichen, jeden wirklich ernsthaften großflächigen Arbeitskampf staatlicherseits zu beenden. Mit der Verfügbarkeit der Genspritze wurde dann konsequent für sie Propaganda gemacht.

Ver.di hat die Beschäftigten des Gesundheitsektors in meinen Augen eiskalt im Regen stehen lassen, als eine »einrichtungsbezogene Impfpflicht« diskutiert und dann beschlossen wurde. Offiziell wurde eine solche zwar abgelehnt, da hatte man allerdings bereits ein volles Jahr lang die Beschäftigten im Gesundheitswesen zur Impfung aufgefordert. Die Gründe für die Ablehnung waren eher dubioser Natur (trägt nichts zu einer höheren Impfquote bei; wenn die Impfunwilligen hinschmeißen, wird der Personalmangel noch größer; keine Sonderregelung, wenn, dann alle), um das ungetestete, mit Notfallzulassung auf den Menschen losgelassene mRNA-Mittel selbst ging es nie, keinerlei Zweifel hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit, an der Pandemieerzählung sowieso nicht. Zum allgemeinen Impfzwang hat Ver.di meist geschwiegen, in der Mitgliederzeitung war es kein Thema. Nach erneuter Suche konnte ich eine einzige Fundstelle finden, und zwar in einem Interview mit einer Pflegekraft, die obige Argumente wiederholte, sich aber gegen eine allgemeine Impfpflicht aussprach (immerhin). Offizielle Stellungnahmen von Ver.di findet man allerdings nicht. Wenn der Staat einen allgemeinen Impfzwang durchsetzt, braucht man den selbst nicht zu fordern, so offenbar die Denke. Damit hätte sich auch der Skandal des Impfzwangs im Gesundheitswesen, gegen den man nicht gekämpft, sondern nur in Presseerklärungen ab und an abgelehnt hatte, quasi von selbst erledigt.

Am schlimmsten verhielt sich jedoch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der wohl aggressivsten gewerkschaftlichen Corona-Propagandistin, die sich zudem ausschließlich (!) dem Lehrpersonal verpflichtet gefühlt hatte, zumindest dem Corona-Gläubigen, nicht dem kritischen – soweit es Corona-kritische Lehrer gegeben hatte. An den mit Stubenarrest, Besuchsverboten und Masken gequälten Kindern hat sie sich regelrecht vergangen.

Man kann also sagen, daß sich durchweg alle Gewerkschaften zu Propagandisten des Corona-Regimes gemacht hatten. Alle ließen die Beschäftigten im Stich, alle übten enormen Druck auf das eigene Personal aus, sich die Genspritze geben zu lassen, keine duldete Worte des Zweifels, weder aus den eigenen Reihen, noch von außen. Dementsprechend hat sich auch keine entschuldigt für die Denunziation kritischer Positionen, die sie freigiebig ausgeteilt hatten, auch an die eigenen Mitglieder. Selbstredend fordert bis heute auch keine die Aufarbeitung des Geschehenen und das Zur-Rechenschaft ziehen der Verantwortlichen – trotz kollossaler Evidenz, daß alles Lug und Trug war. Wieviele Beschäftigte, wieviele Mitglieder, wie viele Schutzbefohlene (Kinder, Heimbewohner) mögen gesundheitlich geschädigt oder gar gestorben sein wegen dieses »Versagens«? Weil man sich schuldig gemacht hat, will man das auch gar nicht wissen. Das latente schlechte Gewissen führt dann allerdings dazu, daß man noch lauter schreit.

Besonders gegen die AfD (Alternative für Deutschland), bekanntlich die einzige in den Parlamenten vertretene Partei, die sich (traurig, aber wahr) gegen den Corona-Maßnahmenstaat gestellt hatte und sich bis heute um Aufklärung bemüht. Es ist also psychologisch nachvollziehbar, daß die DGB-Gewerkschaften die AfD mit unbändigem Haß verfolgen, denn aus gewerkschaftlicher (!) Sicht gibt es bisher keinen Anlaß dazu. Die beschäftigtenfeindlichen Schweinereien wurden bisher ausschließlich von den anderen Parteien veranlaßt.

Klima, Ukraine, Rußland

Der obige Befund setzt sich beim Thema Klima, wie auch dem Ukraine-Konflikt nahtlos fort.

Vorwegschicken möchte ich, daß es meiner Meinung nach. letztlich der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine war, der das Corona-Regime zum Halten brachte. Ich denke, es schien nicht mehr opportun, unter den neuen Bedingungen weiterzumachen, der Kampf gegen Rußland duldete keine zweite gesellschaftliche Front. Ohne diesen Konflikt hätte man möglicherweise die Sache bis zum Ende durchgezogen, das heißt bis zum allgemeinem, in kurzen Abständen zu wiederholendem Impfmandat, ohne das man weder arbeiten noch am gesellschaftlichen Leben hätte teilhaben können.

Für die Gewerkschaften war 2022 die Sache klar, für die Mehrheit der Gewerkschaftslinken leider auch: ein unprovozierter, völkerrechtswidriger Angriffskrieg! Diese Ansicht hält sich bis heute, zu allen Maßnahmen, die der Westen seitdem ergriffen hat und deren Folgen, herrscht eisiges Schweigen: Sanktionen gegen Rußland, Verzicht auf russisches Gas und Öl, Abbruch aller Kontakte und so fort, enorme Preissteigerungen. Man spricht einfach nicht darüber. Schon bei der Sprengung von North Stream II konnte man nichts vernehmen, in Ver.di Publik nichts dazu. Im Mitgliedermagazin der IG BCE (Industreigewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) werden die Ursachen der wirtschaftlichen Probleme der Chemieindustrie konsequent umschifft, wenn doch einmal angesprochen, dann verschämt umschrieben in der Art: »die uns durch den Ukraine-Konflikt auferlegten Beschwernisse« (so etwa im vorletzten Heft).

Obwohl den Beschäftigten große Lasten aufgebürdet werden (direkt und/oder durch Arbeitsplatzverlust), treten die Gewerkschaften weder den Rußlandsanktionen entgegen, noch haben sie sich von der Klimaerzählung abgewandt. Bei den Industriegewerkschaften geschah die Hinwendung zur »Energietransformation« erst widerstrebend, jetzt macht man aber mit, möglicherweise in der Erwartung weiterer Subventionen für die geschundene Industrie. Außerdem will man nicht anecken. Ver.di dagegen war von Anfang an dabei und gehört zu den vehementesten gewerkschaftlichen Apologeten der »Energiewende«. Und die Gewerkschaftslinke glaubt an die CO2-Klimakatastrophe so fest wie an das Coronavirus, der Umbau Deutschlands auf »Klimaneutralität« gilt als alternativlos. Vor einigen Jahren haben einige von ihnen sogar einen ganz neuen Faschismusbegriff kreiert: den Klimafaschismus, dessen Hauptvertreter Saudi-Arabien und natürlich Rußland sind.

Was die Friedensfrage allgemein und die der Aufrüstung Deutschlands speziell angeht, ist die Positionierung der Gewerkschaften nicht so eindeutig und intern umstritten. Dies gilt auch für die Gewerkschaftslinke. Zu diesem Thema bräuchte es eine eigene Untersuchung, die hier nicht geleistet werden kann. Es kann aber konstatiert werden, daß die Gewerkschaftsführungen tendenziell pro Aufrüstung und pro militärischer Unterstützung der Ukraine sind, die Gewerkschaftslinke tendenziell gegen Militarisierung und Aufrüstung – aber stark gegen Rußland eingestellt ist. Die Ukraine ist in jedem Fall Opfer, aber nicht Opfer des westlichen Imperialismus in seinem Kampf gegen Rußland, sondern des imperialistischen Rußlands.

Dies ist übrigens ein Muster, daß sich auch bezüglich der Einstellung der Gewerkschaftslinken in den Regime-Change Fällen Libyen, Syrien und aktuell Iran (Gaza ist noch ein Sonderfall) beobachten ließ. Bei Libyen war man gegen Gaddafi, bei Syrien gegen Assad und für die Weißhelme, im Iran ist man gegen die Ayatollas und für die Regierungsgegner; ohne sich tiefergehende Gedanken darüber zu machen, welche, vorwiegend westlich-imperialistischen, Interessen mit diesen Auseinandersetzungen verbunden sind und wer die Proteste organisiert und finanziert. Daß sich politische und gewerkschaftliche Linke zunehmend bereitwilliger genau gegen diejenigen stellen, die auch vom Imperium als das Böse markiert werden, zeigt, wie wenig das Wesen des westlichen Imperialismus mittlerweile verstanden wird. Aufgetreten ist dieses Phänomen erstmalig beim Ersten Irakkrieg, wohl nicht ganz zufällig zur Zeit der Auflösung der Sowjetunion.

Fazit: Sowohl in Sachen Corona-Maßnahmestaat, Grund- und Menschenrechte, Demokratie- und Rechtsstaatsbewahrung, Rußlandsanktionen, Klimaerzählung, haben sich die DGB-Gewerkschaften als Interessenvertretung der Werktätigen verabschiedet, als Friedenskraft haben sie ausgedient, Präsident Putin gilt rechten wie linken Gewerkschaftern als Gott-sei-bei-uns. Bei all diesen Punkten gibt es einen weitgehenden Gleichschritt mit der Staatsmacht.

All dies gereicht den DGB-Gewerkschaften zur Unehre.

Die tieferen Ursachen

Die Gründe, warum sich die deutschen Gewerkschaften nie wirklich gegen Staat und Kapital stellen, sind ideologischer und struktureller Natur, teils auch rechtlicher. Dies ist ein weites Feld, daher möchte ich lediglich auf einen Aspekt näher eingehen, den ich im Zusammenhang mit unserem Thema für bedeutsam halte.

Im weiteren möchte ich dann versuchen, einige Hinweise und mögliche Erklärungen zu geben, warum gerade junge, linke Kräfte so massiv dazu beigetragen haben, die Gewerkschaften dorthin zu bringen, wo sie jetzt sind.

Bindung an den deutschen Merkantilismus

Die deutschen Gewerkschaften im Allgemeinen und die Industriegewerkschaften im Besonderen, im wesentlichen also IG BCE und IGM (Industriegewerkschaft Metall), halte ich mittlerweile für derartig geschwächt, daß sie der gerade angelaufenen neuen Runde der Lohnsenkung, Sozialstaatszerstörung und Deindustrialisierung nichts werden entgegensetzen können – selbst wenn sie es wollten. Und in der Folge wohl auf Rüstungskeynsianismus setzen. Das einzige, was man noch fordert, ist, daß es bei den Belastungen bitte etwas gerechter zugehen möge.

Die Ursachen dieser Schwäche sind vielfältiger Natur und können hier nicht in Gänze ausgebreitet werden. Eine Ursache, die aus zwei Elementen besteht, möchte ich dennoch etwas ausführlicher darlegen: Es ist die eingangs erwähnte Bindung an den deutschen Merkantilismus.

Mittels der Lohnsenkungspolitik zu Beginn der 2000er Jahre gelang es Deutschland, einen gigantischen Handelsüberschuß aufzubauen, das heißt die Wirtschaft anderer Länder wurde niederkonkurriert. Seit 25 Jahren bleiben die Löhne hinter der Produktivitätsentwicklung und Inflation zurück, die Deutschen leben somit »unter ihren Verhältnissen«, wie es der Ökonom Heiner Flaßbeck treffend bezeichnet.

Der zweite Strang der Lohnsenkung besteht in der immer stärkeren Fragmentierung der Großunternehmen. Ausgehend von Kantine, Reinigung, Sicherheit werden immer größere Teile der Wertschöpfung »als nicht zum Kerngeschäft gehörend« in tarifniedrigere oder tariflose Werkvertragsunternehmen ausgelagert: Werkslogistik, Vormontagen, Software-Aufspielen, Einbau von Sonderausstattungen, Nacharbeiten und so weiter bis hin zu Entsorgungsunternehmen, die zugleich Lackierstraßen selbständig bedienen, und F+E (Forschung und Entwicklung). Diesen Arbeiten werden teils außerhalb, aber auch innerhalb des Werks erbracht. In den Werkshallen, z.B. von BMW oder Thyssenkrupp, arbeiten eine Vielzahl externer Firmen. So ist eine ganz neue Industrie entstanden: Industrie-, Logistik- und Entwicklungsdienstleister, die alle vom Outsourcing der Konzerne leben. Deren gemeinsames Kennzeichen ist, daß die dortigen Löhne und Standards teils deutlich unter denen der Kernbelegschaften liegen und Gewerkschaften wenig präsent sind, jedenfalls nicht mehr die Gewerkschaft, die für das Kernunternehmen zuständig ist. Weiter gedrückt werden die Arbeitsbedingungen oft noch durch den massenhaften Einsatz von Leiharbeitern, deren Hungerlöhne seit Jahrzehnten vom DGB bestimmt werden, indem er mit den Arbeitgeberverbänden der Leiharbeit ebensolche Tarifverträge abschließt; andernfalls würde gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelten.

Diese Lohnsenkungspraxis, plus die Nutzung Osteuropas als Niedriglohn-Werkbank, haben der deutschen Exportindustrie riesige Konkurrenzvorteile gebracht, ohne den der Exportboom nicht möglich gewesen wäre. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Dienstleistungsgewerkschaften ihren Anteil an dem Prozeß haben, denn nirgendwo sonst in Mitteleuropa sind die Dienstleistungslöhne so niedrig wie in Deutschland.

Der letzte Gewerkschaftsführer, der daran etwas ändern wollte, der überhaupt noch etwas ändern wollte, war Detlef Wetzel von der IGM. Er hatte erkannt, daß die Fragmentierung der Großunternehmen die Organisationsmacht und den Kern-Tarifvertrag der IGM (Metall und Elektro, M+E) zu unterminieren drohte. Er unternahm große Anstrengungen zur Organisierung entlang der Lieferkette, was ihm einige Konflikte mit unter anderem Verdi einbrachte, die zwar die Verantwortlichkeit für die an Logistikunternehmen ausgegliederten Beschäftigten reklamierte, dort aber null Mitglieder hatte und nullkommanull Aktivitäten entfaltete.

Unter Wetzels Nachfolgern ist das alles wieder eingestellt worden. Die Outsourcing-Industrie bleibt unorganisiert mit bestenfalls niedrigen Tarifstandards (meist gar keinen), um das Handwerk kümmert sich kaum jemand, gewerkschaftliche Strukturen gibt es in beiden Fällen kaum. Die großen Industrie- und Logistikdienstleister, deren Tätigkeit an sich in den Organisationbereich der IGM gehört, zeichnen sich durch Strukturen ähnlich dem filialisierten Einzelhandel aus, könnten also nur durch bundesweite Organizingansätze erschlossen werden. Bemühungen in diese Richtung, haben nie die notwendige Unterstützung und Ressourcenausstattung erfahren und sind daher erfolglos geblieben.

Es handelt sich dabei um Millionen von Beschäftigten, mehr als in der gesamten Autoindustrie arbeiten.

Warum ist das so?

Jede Gewerkschaft hat eine mehr oder weniger ausgeprägte informelle Machthierarchie. In den deutschen Gewerkschaften sind das zum einen die in Vollzeit beschäftigten Kernbelegschaften der großen Konzerne. Zum anderen sind es die exportorientierten Wirtschaftszweige. Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder entstammt diesen Bereichen. Die IGM Niedersachsen würde ohne VW inexistent sein. Bei der IG BCE ist es mit den Bereichen Chemie und Pharma ähnlich. Die Gesamt- und Konzernbetriebsräte dieser Konzerne üben innerhalb der Gewerkschaft einen enormen Einfluß auf die Gewerkschaftspolitik aus. Die Gewerkschaften haben ihr Schicksal derartig an die Exportindustrie gebunden, daß sie nicht nur alle anderen Bereiche vernachlässigt haben, sondern wenig bis gar kein Interesse (mehr) besteht, die Arbeitsbedingungen auf breiter Front zu heben – was zwangsläufig auf Kosten der Konkurrenzfähigkeit der Exportprodukte ginge, dafür aber den Binnenmarkt und die anderen Wirtschaftsbereiche des Landes beflügelte.

Dabei wäre vieles leicht gewesen. Die Hebelwirkung eines Streiks auch nur eines einzigen kleinen Zulieferers oder gar nur einer ausgelagerten Abteilung der Qualitätskontrolle, wäre enorm und könnte ein ganzes Werk zum Stillstand bringen. Dazu müßten aber Vorstand und Konzern-Bertriebsrat an einem Strang ziehen. Und das taten und tun sie bis heute nicht, weshalb die Industriegewerkschaften diesen Hebel nie angewandt haben.

Ich behaupte mal: Die Konzern-Bertriebsräte würden es überhaupt nicht dulden, wenn eine Gewerkschaftsführung versuchte, Löhne und Arbeitsbedingungen (das heißt Urlaub, Arbeitszeit und so weiter) in der gesamten Lieferkette wieder auf das gleiche Niveau zu bringen, wie es vor 40 Jahren herrschte, als alles noch nach M+E oder Chemie-Pharma Tarif bezahlt wurde.

Und das Ergebnis des Ganzen?

Keine Mitglieder, keine Strukturen, keine Kampfkraft in der Outsourcingindustrie, im Handwerk, unter Leiharbeitern. Die Exportindustrie geht am Stock, Jobverluste riesigen Ausmaßes; wegen Energiekostenexplosion, Sanktionen, Klimaneutralität.

Und auch weil die USA das deutsche Lohndumping nicht mehr hinnehmen und die Importe mit Zöllen belegen. Hier ein Zitat aus einem Faktenblatt des Weißen Hauses zum unter anderem deutschen Lohndumping, das Heiner Flaßbeck auf seiner Internetseite veröffentlicht hatte:

»Länder wie China, Deutschland, Japan und Südkorea haben eine Politik verfolgt, die den Binnenkonsum ihrer eigenen Bürger unterdrückt, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exportprodukte künstlich zu steigern. Zu dieser Politik gehören regressive Steuersysteme, niedrige oder nicht durchgesetzte Strafen für Umweltzerstörung und Maßnahmen, die darauf abzielen, die Löhne der Arbeitnehmer im Verhältnis zur Produktivität zu drücken.»2

Die Industriegewerkschaften, zuvorderst die IGM, stehen vor den Trümmern ihrer jahrzehntelangen Politik: die Bindung an den deutschen Merkantilismus und zuletzt das dröhnende Schweigen zu North Stream II, Rußlandsanktionen, Energiewende. Die Unternehmen riechen die Schwäche und treten reihenweise aus den Arbeitgeberverbänden aus, der Kern-Tarifvertrag M+E droht zu zerbröseln. Selbst unter dieser Drohung ist man unfähig oder unwillig zur Umkehr. Statt in einen Großkonflikt mit dem Staat zu treten, der all dies angerührt hat, versucht man sich Liebkind zu machen, indem man ins Anti-AfD-, Anti-Rußland- und Anti-CO2-Horn bläst. Und auf den Last Exit Rüstung hofft. Für alles andere ist man zu schwach – und zu willenlos auch.

Personelle Veränderungen

Viele linke Gewerkschafter sind, beginnend mit den 2000er Jahren, stark von US-Gewerkschaften beeinflußt, insbesondere von den im Dachverband Change to Win (CTW) organisierten. Auch ich habe von ihnen gelernt. Das machte auch Sinn, mußten die US-Gewerkschaften schon seit langem unter absolut gewerkschaftsfeindlichen Bedingungen arbeiten, wie sie damals gerade erst nach Deutschland schwappten. Finanzialisierung, Outsourcing und Offshoring waren in den USA schon viel weiter als in Deutschland, die gewerkschaftsfreien Zonen wuchsen aber hierzulande ebenfalls dramatisch. Die US-Gewerkschaften standen und stehen für einen offensiveren Ansatz gewerkschaftlicher Arbeit. Das nötigt mir bis heute Respekt ab.

Viele US-Gewerkschaften sind zum einen stark an die Demokratische Partei beziehungsweise deren linken Flügel gebunden; zum anderen hatten die US-Gewerkschaften stets stärkeren Kontakt in den akademischen Raum, wo in weit größerem Maße kritische Gewerkschaftsforschung betrieben wurde als es in Deutschland üblich war. Viele Organizingansätze sind in Universitäten entwickelt worden. In Deutschland ist dann Prof. Klaus Dörre von der Universität Jena als erster auf diesen Zug aufgesprungen.

Nicht nur der Druck auf Gewerkschaften und Tarifverträge war in den USA weiter als in Deutschland, auch das »Links-sein« war »weiter«. Viele der eher unangenehmen, nennen wir sie kulturlinken, Erscheinungen heutiger akademischer Milieus, waren damals in den USA schon voll ausgebildet. Alleine durch den engen Kontakt zwischen Gewerkschaften aus den USA und den nach neuen Ansätzen suchenden deutschen Gewerkschaftern, flossen US-amerikanischer Konzepte und linke Selbstverständnisse in deutsche Gewerkschaften ein. Teilweise wurden US-Organizingkonzepte geradezu als heilige Offenbarungen gehandelt. Wenn man dort also bespielsweise an das Coronavirus glaubt (und das tat man ohne Wenn und Aber) oder an die CO2-induzierte Klimaerzählung, ist man in der deutschen Gewerkschaftslinken schnell bereit gewesen, dies ebenfalls zu glauben.

In vielen US-Gewerkschaften ist es schon lange üblich, Organizer aus dem radikalen Antifa-, Feminismus oder Anti-Rassismus Spektrum, oft direkt aus den Universitäten, zu rekrutieren. Erwähnt werden sollte, daß George Soros sich vor einigen Jahren rühmte, praktisch die gesamte Antifa der USA finanziert zu haben. Dieser Ansatz wurde auch von deutschen Gewerkschaften übernommen, viele junge Gewerkschaftssekretäre kommen mittlerweile aus diesen Milieus.

Noch bedeutsamer sind Zuflüsse aus dem trotzkistischem Bereich, oft vermittelt über die Partei Die Linke beziehungsweise Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dazu gleich mehr.

Und schließlich gibt es zunehmend mehr Sekretäre und Sekretärinnen, die nicht mehr aus dem Arbeitsleben kommen, sondern aus akademischen Jodeldiplom-Studiengängen (sorry, ich kann es nicht anders nennen) und den zugehörigen Milieus, für die die Gewerkschaft eine Jobperspektive abgibt, in der sie zudem ihre persönlichen Grillen verwirklichen können.

Alle drei Typen konnte ich kennenlernen. Man darf nicht vergessen, daß viele von denen, die vor zehn Jahren als Organizer mit Antifa-Hintergrund angefangen haben, heute eventuell Bevollmächtigte sind.

Insbesondere die unteren DGB-Ebenen haben in den letzten Jahren eine fortwährende Radikalisierung erfahren, erleichtert dadurch, daß der DGB seit ewig keinerlei Bedeutung mehr hat. Es sind die unteren DGB-Ebenen, aus denen heraus Demonstrationen gegen alles Widerspenstige organisiert werden; alles, was in Sachen Corona, Klima, Gender oder Migration nicht der Regierungslinie folgt, wird als rechts/Nazi markiert. Die DGB-Strukturen sind so zu Bastionen ideologischer (und falscher) Haltungsradikalität geworden.

Große Teile von Ver.di sind von der gleichen Pseudoradikalität durchdrungen – während gleichzeitig alle wirklich bedeutenden staatlichen Angriffe und Zumutungen gegenüber den Beschäftigten durchgewunken werden.

Wie andere Linke, sind viele Gewerkschaftslinke ganz offenbar nicht mehr in der Lage, echten von eingebildetem Faschismus zu unterscheiden oder eine adäquate Analyse des gegenwärtigen Konzern- und Finanzkapitalismus zu leisten, die erkennen helfen könnte zu verstehen, in welchem Interesse vermeintlich fortschrittliche Themen mit viel Marketingaufwand gepusht und finanziert werden. Das, was einflußreiche WEF-Protagonisten an dystopischen Zukunftsplänen ganz offen von sich geben, will man einfach nicht ernst nehmen; wer darauf hinweist, ist bei der Gewerkschaftlinken gleich Verschwörungstheoretiker.

Stattdessen werden Gefahren von rechts zusammenphantasiert, als wenn das Neue Dritte AfD-Reich vor der Tür stünde, obwohl dafür die subjektiven wie materiellen Voraussetzungen fehlen. Bis heute kann man von Antifa, Gewerkschaften, Omas gegen Rechts und ähnlichem Sachen hören, die man nur als Wahnvorstellungen bezeichnen kann. Viele von ihnen sind derartig außer sich, daß sie zu keinem klaren Gedanken mehr fähig sind. Zugleich werden Gewaltphantasien gegen Andersdenkende geäußert, die einem angst und bange werden lassen. Konsequenterweise beteiligen sich die Gewerkschaften auch aktiv an der Verfolgung abweichender Meinungen. So betrieben sie im Gewerkschaftshaus einer großen norddeutschen Stadt nicht nur eine Petzstelle, sondern durchsuchten selbst mit fast schon geheimdienstlichen Methoden die lokale Öffentlichkeit nach »verbotenen« Meinungsäußerungen, um diese dann öffentlich anzuprangern.

Die fatale Rolle von ZeroCovid

Ich möche noch einen anderen Aspekt betrachten, der für die Entwicklung von Gewerkschaften und Linken von Bedeutung ist: ZeroCovid.

Es gab große personelle Überschneidungen zwischen ZeroCovid, in meinen Augen ein trotzkistischer Zusammenhang, und der politischen und gewerkschaftlichen Linken. Einige Gewerkschaftslinke, die ich kenne, haben ZeroCovid mit auf den Weg gebracht, sehr viele haben es unterstützt. Der größte Teil von ihnen mag wirklich geglaubt haben, mittels einer auf die Spitze getriebenen Corona-Radikalität Klassenkampf betreiben zu können: durch globale Governance (UN, WHO, GAVI), durch Druck auf staatliche Stellen, den Superlockdown zu verhängen und mittels obskurer Corona-Ursachenerklärungen. Was mit politischen und gewerkschaftlichen Methoden nicht erreicht werden konnte, sollte nun Corona richten: Verbot von Werkverträgen in Schlachthäusern; die Vergesellschaftung der Pharmaindustrie, die dann die vergesellschafteten Genspritzen gerecht an die gesamte Weltbevölkerung verteilt; bis zum sofortigen Verbot der Regenwaldabholzung, weil dadurch Zoonosen entstünden (die Fledermäuse!), die wiederum für die Corona-Pandemie verantwortlich seien.

Wären die Pläne von ZeroCovid verwirklicht worden, hätte das zum totalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch führen können. Dem Kapital hätte das wenig ausgemacht, die breite Bevölkerung aber in materielles und psychisches Elend gestürzt. Die Internetseite von ZeroCovid war ein Kompendium magischen Denkens. Man machte sich bei ZeroCovid keinerlei Gedanken darüber, wie schnell die Regale leer sind.

Konsequent umgesetzt, hätte dies in eine Art Weltregierung münden können, womit ZeroCovid durchaus sympathisiert hatte. Die Menschen wären in ihrer Not möglicherweise dazu bereit gewesen. Letztlich hat sich ZeroCovid daran beteiligt, die Weltherrschaftsphantasien einiger Kapitalfraktionen in die Wirklichkeit zu bringen. Offenbar in dem Wahn, diese Weltregierung dann nur noch übernehmen zu müssen – und schon hat man Sozialismus weltweit! Dieser Gedankengang entspricht durchaus trotzkistischen Politikansätzen, wurde doch in der Vergangenheit jede zentralistische Großstruktur unterstützt, egal wie schlimm sie ist. Die Forderungen der trotzkistischen Linken waren weltweit praktisch deckungsgleich, oft bis in den Wortlaut hinein (soweit ich das überblicken kann) und ähnelten stark denen von ZeroCovid.

Leider haben sich viele, viel zu viele, linke Gewerkschafter von der Scheinradikalität ZeroCovids beeindrucken lassen, auch von deren Schein-Wissenschaftlichkeit; ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, was angesichts der wirklichen Machtverhältnisse der wahrscheinlichere Ausgang gewesen wäre. ZeroCovid war auch vorne dabei, alle abweichenden Meinungen als »rechtsoffen« und Nazi zu markieren, selbst wenn sie von ausgewiesenen Experten vorgetragen wurden. Dies zeigt einmal mehr, wie leicht aus unkritischem Vertrauen in die Wissenschaft anti-humanistischer Szientismus werden kann.

Dies alles, während man in der wirklichen Wirklichkeit mit den echten Rechten und Imperialisten in einem Boot sitzt, deren Geschäft betreibt und die Opposition bekämpft. Das ist auf jeden Fall bequemer, erhöht einen selbst und ist auch persönlich lukrativer als dagegen zu halten.

Bestenfalls kann man die politische und gewerkschaftliche Linke mit dem Herrn Biedermann3 vergleichen, der in seinem feigen, nicht anecken wollenden Gut-Sein nicht merkt, daß die Brandstifter schon im Haus sind und er sie selbst eingeladen hat.

Der leider kürzlich verstorbene Psychoanalytiker Prof. Klaus-Jürgen Bruder hat demgegenüber die Gewerkschaften eingereiht in die große Phalanx derer, die die Faschisierung Deutschlands betreiben.

Die Mechanismen, die ich in meinem Beitrag zur Psychologie des Mitläufers4 beschrieben habe, gelten natürlich über das Hiergesagte hinaus weiterhin.

Die Aufgabe: Erneuerung linken Denkens

Betrachtet man die zurückliegenden Corona-Jahre, war ZeroCovid der Größte Anzunehmende Unfall, der GAU der Linken. Ermöglicht auch dadurch, daß linkes Denken oftmals dem mechanistisch-dualistischen Weltbild Descartes verhaftet geblieben ist, jede Transzendenz ad acta gelegt hat und einem seelenlosen Utilitarismus frönt. Die innere Leere muß dann bei vielen offenbar auf andere Weise kompensiert werden, unter anderem mit Hilfe eines schon als Massenpsychose zu bezeichnenden Kampfes gegen Rechts.

In einem früheren Text bin ich auf dieses Defizit schon einmal eingegangen. Weil ich deren Behebung als wesentlich für die Wiederbelebung linken Denkens halte, möchte ich der Einfachheit halber einige Stellen zitieren:

»Der Gedanke einer toten Natur, Objekt hemmungsloser Ausbeutung durch den Menschen, oft Ausdruck »blindeste[r] Verachtung der Natur« (Friedrich Schelling), ist, so sehe ich es, die dominierende Sichtweise der letzten beiden Jahrhunderte gewesen. Auch wenn Marx und Engels davon nicht völlig frei waren, (…) wurde solches Denken auf linker Seite erst im leninistisch-trotzkistisch-maoistischen Denken dominant. In Bezug auf die Naturbetrachtung (wie auch in anderem) ist dieses Denken lediglich die Rückseite der bürgerlichen zweckrationalen und utilitaristischen Sicht. (…)

Die reduktionistische Sicht auf die materielle Welt und auf das Lebendige überhaupt, hat seit langem auch die Betrachtung des Menschen selbst erfaßt, wie Tendenzen in der Neurowissenschaft und ganz besonders im sog. Transhumanismus zeigen. Einem solchen Menschenbild frönen große Teile des medizinisch-industriellen Komplexes, der Mensch besteht nur noch aus Zellen, Nervenbahnen, Genen, Hormonen, Stoffwechsel; aus Bits und Bites, sozusagen. Alles geistig-seelische wird zunehmend dekonstruiert, sodaß der Mensch sich in exakt die Richtung entwickelt, in der Descartes die Tiere sah: als Maschinen. Das komplexe Zusammenspiel von Körper und Geist wird weitgehend ignoriert; der Mensch »schrumpft auf ein Nichts« zusammen, wie es ein Arzt in einem Corona-kritschen Beitrag bezeichnete. (…)

Wissenschaftsfeindlich ist so eine Haltung allemal. Schon Schelling hat der Newtonschen Mechanik wegen ihres Reduktionismus die Wissenschaftlichkeit abgesprochen (Goethe dachte ähnlich). Schelling forderte mehr Wissenschaft, indem sie vollständig zu werden habe. Weite Teile der deutschen Linken hängen einem Wissenschafts- und Naturverständnis des 18. und 19. Jahrhunderts an. Und mit solchem Augen schauen sie auch auf den Menschen.

Das macht anfällig für die Übernahme der theoretischen Grundlagen des medizinisch-industriellen Komplexes, wie in der Causa Corona und mRNA-Gensubstanzen zu beobachten ist. Daß die Mehrzahl der Mainstreamlinken unfähig ist, diesem reduktionistischen Weltbild widersprechende Lehrmeinungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen, ist fatal und irritierend. Wie man zugleich Gen-Mais ablehnen und Gen-Spritzen befürworten kann, scheint mir ein Musterbeispiel Orwellschen Doppeldenks, eigentlich ein Fall für den Seelenklempner.

In den 70er und 80er Jahren war man schon einmal wesentlich weiter, es gab eine umfangreiche Debatte zur Naturphilosophie, an der auch viele Linke teilnahmen. Der Begriff Ökosozialismus stammt aus dieser Zeit. Viele der damaligen Publikationen sind es wert, wieder aus dem Bücherregal geholt zu werden, vieles leider nur noch antiquarisch erhältlich. In den 70er/80er gab es auch eine substantielle und intelligente Technikkritik. Die Behauptung einer angeblichen Neutralität von Technik ist eine weitere Ursünde der marxistisch orientierten Linken; weder Pestizide, Atom- oder Nanotechnik und das meiste andere auch nicht, zu schweigen von Gentechnik und mRNA-Spritzen sind neutral. Eine derartige These entspringt der gleichen Art utilitaristischer Naturbetrachtung.»5

Sich (erneut) dem Werk von Ivan Illich, Hans Jonas, Murray Bookchin, Gustav Landauer, Lewis Mumford. E.F. Schumacher, Fridjof Capra, Theodor Adorno, Erich Fromm und besonders dem unvergleichlichen Günther Anders zu widmen, wäre nach der Corona-Dystopie und dem Versagen der Mainstream-Linken eine lohnenswerte Angelegenheit.

Das sind alles keine marxistischen Autoren, aber viele Linke darunter; alle bieten bedenkenswerte Einsichten, einige versäumen es aber, die Eigentumsfrage aufzuwerfen. Dennoch sollte sich niemand von der Lektüre abschrecken lassen, denn es ist an der Zeit, linkes Denken von ihrer technokratischen Engführung zu befreien.

Verweise

1 Wilfried Schwetz {2024) Was ich noch zu sagen hätte … – zur Gewerkschaftszeitung »express«; https://magma-magazin.info/2024/09/wilfried-schwetz/was-ich-noch-zu-sagen-haette-zur-gewerkschaftszeitung-express/

3 Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter

4 Wilfried Schwetz (2023) Zur Psychologie des Mitläufers: Ein Versuch über linkes Mitläufertum auf einen Text von Peter Brückner; https://magma-magazin.info/2023/04/wilfried-schwetz/zur-psychologie-des-mitlaeufers-ein-versuch-ueber-linkes-mitlaeufertum-auf-einen-text-von-peter-brueckner/

Dipl.-Sozialwirt
Labour Policies and Globalisation (M.A.)

4 thoughts on “Gewerkschaften zu Corona, Klima, Ukraine”

  1. «Betrachtet man die zurückliegenden Corona-Jahre, war ZeroCovid der Größte Anzunehmende Unfall, der GAU der Linken.» – Und es geht weiter. Konferenz «Socialism» in Chicago Anfang September 2026 (!):

    «Covid-19-Vorsichtsmaßnahmen

    Richtlinien und Vorgaben können sich ändern und werden den angemeldeten Teilnehmern mitgeteilt, sobald Änderungen vorgenommen werden.

    Masken: Die Teilnehmer sind verpflichtet, in den Innenräumen der Konferenz eine Maske (N95 oder K95) über Mund und Nase zu tragen. Für diejenigen, die keine Maske haben, werden Masken zur Verfügung gestellt. Bitte beachten Sie: Diese Vorschrift gilt nur für offizielle Konferenzräume und Sitzungen – Teilnehmer sollten sich bewusst sein, dass andere Teilnehmer an anderen Orten im Konferenzhotel (oder außerhalb), an denen sie sich informell versammeln, möglicherweise keine Maske tragen.»

    https://kodoroc.de/2026/09/09/maskewiki-hunderttausende-dollar-fuer-die-revolution/

    Und besonders pervers (in einem Kommentar zitiert): «Childcare staff, like conference attendees, will be masked. Masks will be required for children 2 and up.»

    Förderer der Konferenz u.a. die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

  2. »und sich dem deutschen Merkantilismus anschlossen.«

    Und dem deutschen Merkelantismus, :-).

    Aber im Ernst:

    Was hier für die Gewerkschaften geschrieben wurde gilt genauso zB für die MLPD: strammste Exekutoren der Corona-Räson.

    Wie war so etwas möglich?

    Dazu auch dieser Beitrag von mir:

    Man muss sich ständig vor Augen halten:

    die größte Bedrohung für uns Menschen stammen nicht aus Laboren sondern aus Human-Wissenschaftsinstituten:

    Psychologie, Soziologie, Verhaltens- und Kommunikationswissenschaften sind die Quellen der Gefahren der heutigen Zeit - seit dem alten Rockefeller, Gustave Le Bon, Lippman (mit offen gezeigten Verbindung zur perfiden Fabian Society sowie Mont Pelerin Soc.), Bernays, …

    Nicht Viren, nicht Atombomben, nicht KI, nicht CO2 - sondern die Macht der Medien (und der Politik) in geldreichen Händen bestimmt unser elendes Schicksal.

    Noch eine Erklärung insbesondere zu den »Linken« und deren schreiendes Versagen:

    es ist das »links-rechts-»Theater das für uns ständig aufgeführt wird und mal »rechts« (cDU-Zeiten, Adenauer, Kohl, …) mal »links« (sPD, Schröder, dieLinke, »Mitte«, …) angestrichen wird.

    Der wesentliche Punkt:

    die ZUWEISUNGEN, was »rechts« was »links« sei stammen immer aus dem Mainstream sowie von besonders reichweitenstarken Köpfen aus der jeweilig herrschenden Nomenklaturen. Gerade »Linke« laufen diesen Zuweisungen ganz besonders hühnerhaft nach. Und dann sind die »Corona-Leunger« eben »rechts« und die »Antifa« geht sofort gegen die auf die Straße, … wirft auch zB die basisdemokratisch orientierte Partei dieBasis mit der AfD in einen Topf (»Gebt den Rechten keinen Basis!«) und ist an vorderster Gegen-Front (gemeinsam mit regierender Politik, Villenbesitzern, Stadtverwaltung, Polizeiführung, Werbeagenturen, Großmedien) wenn in Hambach gegen Coronamaßnahmen und für eine Ende der Corona-Bedrückung demonstriert wird.

    Wann, »Linke«, geht ihr endlich mal in Euch wie es möglich sein kann, dass ihr ständig, und oft auch noch am extremsten, Herrschafts-, Regierungs-, und WEF-Agenden (Migrationsförderung, Klimawahn, Internationalisierung/globale Gleichmachung/»No Border«, Entdemokratisierung, Entfremdung, Weltgouvernance, Digitalisierung, Technisierung, …) vertretet?

  3. Der Artikel enthält einige falsch Behauptungen. Z.B. über die marxistische Linke. Das ist eigentlich schade, das hätte man auch besser machen können.

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