Theorien der Inflation 2. Teil: Heterodoxe und marxistische Sichtweisen

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Serie zu den Ursachen von Inflation in modernen kapitalistischen Wirtschaftssystemen. Die Serie erschien im Laufe des Jahres 2026 im Blog von Michael Roberts auf Englisch und beruht auf einer gemeinsam mit Guglielmo Carchedi verfassten Abhandlung. Sämtliche Anmerkungen (Quellenangaben, Worterklärungen etc.) wurden vom MagMa-Übersetzungsteam hinzugefügt.

Es gibt verschiedene heterodoxe Ansichten zu den Ursachen der Inflation. Im Allgemeinen wenden sie sich gegen die im ersten Teil erörterte Fokussierung der Mainstream-Ökonomie auf Monetarismus, Überschussnachfrage und Inflationserwartungen. Die heterodoxen Ansichten lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Erstens gibt es diejenigen, nach denen der Fokus auf die sektorale Struktur der Wirtschaft gelegt werden sollte, nämlich darauf, wie Angebotsengpässe in bestimmten Wirtschaftssektoren zu Preisanstiegen führen und sich diese dann über Input-Output-Verflechtungen und Veränderungen der Preisbildung durch Unternehmen auf die gesamte Wirtschaft ausbreiten. Zweitens gibt es Theorien, die Inflation als Folge von Klassenkonflikten, von Forderungen der Lohnabhängigen nach höheren Löhnen und Reaktionen des Kapitals darauf, betrachten.

Sektoral orientierte Sichtweisen greifen manchmal auf »Preisaufschläge« der Unternehmen als Erklärung für die Inflation zurück. Danach wird Inflation durch Monopole und deren Macht verursacht, Marktpreise durchzusetzen, die über den Preisen des »freien Wettbewerbs« liegen. Monopole können ihre Gewinnspannen und Verkaufspreise erhöhen, wenn die Kosten steigen, einschließlich der Arbeitskosten. Stephanie Kelton, die bekannte Vertreterin der »Modern Monetary Theory« (MMT – »moderne Geldtheorie«), erklärt:

»Im Bestreben, höhere und höhere Gewinne zu erzielen, können Unternehmen mit ausreichender Marktmacht Preise auch einseitig erhöhen.«1

Marx würde dem widersprechen. Ja, der Marktpreis verkaufter Waren kann und wird vom Produktionspreis abweichen – jenem Preis, zu dem alle Kapitalien Waren mit derselben durchschnittlichen Profitrate produzieren (eine Rate, die sich ständig verändert). Wenn der auf der durchschnittlichen Profitrate der Wirtschaft basierende Produktionspreis sinkt, dann sollten auch alle einzelnen Preise, die sich daran orientieren, sinken. Es gibt jedoch einen Spielraum, innerhalb dessen manche Unternehmen ihre Preise weniger stark als der Durchschnitt senken oder ihn sogar erhöhen könnten. Die »monopolistische« Fähigkeit, dies zu tun, hat jedoch immer Grenzen. Der Wettbewerb tendiert dazu, sich durchsetzen, selbst bei Oligopolen. Daher kann der marktbestimmte »Monopolpreis« nicht lange vom Produktionspreis abweichen.

Im Zuge des jüngsten Inflationsanstiegs nach dem Pandemie-Einbruch fand die Sektortheorie eine andere Ausprägung. Nach dieser Sichtweise ist die Inflation auf Angebotsengpässe in wichtigen Wirtschaftssektoren zurückzuführen, die dann dadurch verstärkt werden, dass Unternehmen aufgrund ihrer Marktmacht ihre Preisaufschläge erhöhen. Versorgungsengpässe, die sich über Wirtschaftssektoren ausbreiten, lösen den Inflationsprozess aus, doch dann können die Preisaufschläge der Unternehmen über den Durchschnitt hinausgehen und so einen zusätzlichen Auftrieb der Preise erzeugen. Isabella Weber und Even Wasner argumentieren, dass steigende Preise in bestimmten »systemrelevanten vorgelagerten Sektoren« einen Impuls für weitere Preissteigerungen geben. Um ihre Gewinnmargen vor steigenden Kosten zu schützen, geben nachgelagerte Sektoren den Preisdruck weiter oder verstärken ihn im Fall vorübergehender, durch Engpässe entstandener Monopole.

In der jüngsten post-pandemischen Inflationsspirale finden sich zwar Belege für eine gewinn- und branchenbestimmten Inflation, doch eignet sie sich für eine allgemeine Erklärung der Inflation in kapitalistischen Wirtschaften? In den großen Volkswirtschaften gab es schon seit langem Inflation, auch wenn es keine erhöhten Preisaufschläge seitens der Unternehmen gab oder keine sprunghaften Anstiege der Rohstoffpreise zu verzeichnen waren. Sicherlich neigen die Preise auf oligopolistischen Märkten dazu, höher als auf wettbewerbsintensiveren Märkten zu sein, doch eine höhere Inflation kann sowohl bei relativ wettbewerbsintensiven als auch bei oligopolistischen Marktstrukturen auftreten. Im späten 19. Jahrhundert war das sogenannte »Gilded Age«2 durch den Aufstieg von Kartellen gekennzeichnet, jedoch bei gleichzeitig sinkenden Preisen; und die 1990er Jahre, die oft als zweites »Gilded Age« mit zunehmender Marktkonzentration angesehen werden, erlebten eine sogenannte »Great Moderation«3 der Preisinflation, das heißt eine Disinflation4 .

Tatsächlich gingen die Gewinne während der letzten großen Inflationsspirale der 1970er Jahre sogar zurück. Sylos-Labini schrieb damals:

»Der aktuelle Rückgang des Gewinnanteils in mehreren kapitalistischen Ländern lässt sich in erster Linie auf den anhaltenden Anstieg der direkten Kosten für Arbeitskräfte, Rohstoffe und Energie zurückführen.«5

Im vierten Teil werde ich auf Fragen der sogenannten »Angebotsinflation«, Gewinnaufschläge und sektorbedingte Inflation zurückkommen, wenn ich den bisherigen Inflationsanstieg nach der Pandemie analysiere.

Die zweite heterodoxe Erklärung für die Inflation auf Klassenkonflikte zurück. Diese heterodoxe Theorie lehnt die keynesianische Theorie ab, nach der die Inflation auf den Druck durch Lohnkosten zurückzuführen, die aus einer Übernachfrage nach und Verhandlungsmacht von Arbeitskräften resultieren. Stattdessen geht diese Theorie davon aus, dass die Löhne in Reaktion auf Preissteigerungen steigen, wie Marx argumentierte. Doch was ist mit der Ursache für den ursprünglichen Inflationsschub? Diese ist auf Versorgungsengpässe oder auf die Preissetzungsmacht von Monopolen zurückzuführen – wir kehren also zur ersten heterodoxen Theorie zurück. Bei ausreichender Macht der Arbeitenden, darauf zu reagieren, wird die Inflation jedoch anhalten, was zu weiteren Versuchen der Unternehmen führt, zum Ausgleich die Preise zu erhöhen.

Die Inflation hängt demnach vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitenden und Kapital ab. Diese Theorie liefert jedoch keine Erklärung für den anfänglichen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, abgesehen von dem zufälligen Faktor einer Versorgungsstörung oder eines »Angebotsschocks«. Dabei greift sie auf die oben dargelegte sektorale Argumentation zurück, laut der der ursprüngliche Auslöser für jeden Preisanstieg in erhöhten Preisaufschlägen oder Versorgungsengpässen liegt.

Es gibt einige offen marxistische Inflationstheorien. Eine dieser »marxistischen« Erklärungen der Inflation entspricht lediglich der oben beschriebenen Monopol-Preisaufschlagstheorie. Baran und Sweezy (1966) erklärten die Ursache der Inflation wie folgt:

»Die keynesianische Theorie ging von freiem Wettbewerb aus; unter Bedingungen des Oligopols führt eine gestiegene Nachfrage zu Preisanstiegen […] und letztendlich (als Folge der steigenden Lebenshaltungskosten) zu höheren Löhnen statt zu einer Ausweitung der Produktion. Das Ergebnis ist eine allgemeine Inflation.«6

In ähnlicher Weise argumentierte Kotz (1982), dass Monopole Marktpreise festlegen können, die über den Produktionspreisen liegen. Doch existierten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Monopole sowohl in der Inflationsphase (1949 – 1979) als auch, mit sogar gewachsener Marktmacht, in der Disinflationsphase (1980 – 2021). Daher muss die allgemeine Inflation unabhängig von Monopolen erklärt werden. Hätten Monopole tatsächlich die Macht, ihre Marktpreise unkontrolliert anzuheben: Weshalb tun sie dies dann unter ganz bestimmten Umständen? Konkret entschlossen sie sich in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte nur zwei Mal (Ende der 1970er Jahre und im Jahr 2021), ihre Preise deutlich anzuheben, nämlich als die Profitabilität7 gering war.

Paul Mattick argumentierte:

»Inflation ist ein Ausdruck unzureichender Profite, die durch Preis- und Geldpolitik ausgeglichen werden müssen. […] Steigen die Preise schneller als die Löhne, wird den Arbeitern das, was aus ihnen in der Produktion nicht herauszuholen war, im Zirkulationsprozess abgenommen.« (1977)8

Das liegt auf der Hand. Steigen die Preise schneller als die Löhne, kommt es zu einer Umverteilung zu Gunsten des Kapitals und zu Lasten der Löhne. Steigen die Preise hingegen langsamer als die Löhne, kommt es zu einer Umverteilung zu Gunsten der Löhne auf Kosten der Profite. Beides erklärt jedoch nicht die Ursache für den anfänglichen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus.

Ernest Mandel (1987) versuchte eine marxistische Erklärung, bei der Geld eine Rolle spielt:

Wenn sich »der Papiergeldumlauf verdoppelt, ohne dass die in der Wirtschaft aufgewendete Gesamtarbeitszeit nennenswert gestiegen ist, tendiert das Preisniveau dazu, sich ebenfalls zu verdoppeln.«9

Doch weshalb entspricht die Geldmenge im Umlauf nicht einfach der Veränderung des Warenwerts, gemessen an der Gesamtarbeitszeit? Mandel ist kurz davor, die maßgeblichen Faktoren der Inflation zu identifizieren, versäumt jedoch zu analysieren, wie diese zusammenwirken.

Harman (1979) identifizierte korrekt die Profitabilität des Kapitals als Hauptursache der Inflation. Jedoch verfolgte Harman einen subjektiven Analyseansatz:

»In einer Hochkonjunktur waren die Kapitalisten zuversichtlich, dass sich ihre Waren verkaufen lassen, selbst wenn sie die Preise erhöhten. […] Sobald die Rezession einsetzte, mussten die Kapitalisten [auf die] schrumpfenden Märkte [reagieren, indem sie …] die Preise drastisch senken.«10

Dies beschreibt zwar die Reaktion des Kapitals auf einen Wirtschaftsaufschwung und auf Preisinflation, erklärt jedoch nicht die Ursachen für inflationäre beziehungsweise disinflationäre Phasen. Beispielsweise lässt sich die anhaltende Disinflation von den 1980er Jahren bis 2019 nicht auf diese Weise erklären. Es fehlt eine Erklärung dafür, inwiefern Schwankungen der Profitabilität von Bedeutung sind, und die Auswirkungen geldpolitischer Maßnahmen werden nicht berücksichtigt.

Auch Choonara (2021) betont die Rolle der Profitabilität als Hauptursache steigender Preise:

»Die Inflation hängt vom Zusammenspiel zwischen der Wertschaffung durch Einsatz von Arbeitskraft, der Geldschöpfung ([Schaffung von Geld] vor allem durch das Kreditsystem) und dem Verhältnis zwischen Kapitalakkumulation und Profitraten ab.«11

Dies kommt unserer »Werttheorie der Inflation«, auf die ich in einem späteren Beitrag eingehen werde, am nächsten.

Die beiden fundiertesten marxistischen Erklärungen für die Ursachen der Inflation stammen von Anwar Shaikh und – in jüngerer Zeit – von den griechischen marxistischen Ökonomen Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis.

Shaikh bezeichnet seine Theorie nicht gerne als marxistisch, sondern bevorzugt den Begriff »klassisch«. Er argumentiert, dass

»die moderne Inflation ein Gleichgewicht zwischen einer durch neue Kaufkraft ausgelösten Nachfragesteigerung und einer von der Profitabilität und dem Ausmaß der Wachstumsauslastung12 abhängigen Angebotsreaktion« ist.13

Die Kombination dieser beiden Faktoren führt zu

»einer allgemeinen Theorie, nach der die Fiat-Geld-Inflation
· positiv auf neue Kaufkraft reagiert, da sich der Teil der Kaufkraft, der nicht vom aktuellen Angebot absorbiert wird, als Preissteigerung äußert;
· negativ auf die Nettoprofitabilität, da diese das reale Produktionswachstum steigert; und
· positiv auf die Wachstumsauslastungsrate, insoweit diese das reale Produktionswachstum hemmt.«14

Woher stammt diese »neue Kaufkraft«, die die Nachfrage repräsentiert? Sie stammt aus neuen inländischen Krediten privater Banken und der Zentralbank, das heißt im Grunde genommen aus einer Erhöhung der umlaufenden Geldmenge. Die Angebotskapazität zur Deckung dieses Nachfrageanstiegs hängt von der Profitabilität des Kapitals ab, die den Anreiz für Investitionen darstellt. Steigt der Kapitalstock, führt dies zu einer Erhöhung der Produktionskapazität und ermöglicht eine stärkere »Wachstumsauslastung«, das heißt eine höhere reale Produktion. Sinkt der Kapitalstock, verringert sich die Produktionskapazität. Mit anderen Worten: Shaikh sagt, Inflation werde dadurch verursacht, dass die Gesamtnachfrage die Angebotskapazität übersteigt. Steigt die Profitabilität des Kapitals, wird das Angebot erhöht und Inflation vermieden. Sinkt die Profitabilität des Kapitals, sinkt die Angebotskapazität und es kommt zu Inflation.

Die Inflation wird also durch eine gestiegene Nachfrage (neue Kaufkraft) und durch geringe Angebotskapazitäten angetrieben, wobei letztere durch sinkende Profitabilität verursacht werden. Die Inflation verlangsamt sich oder verschwindet, wenn die neue Kaufkraft durch ein steigendes Angebot gedeckt wird, was in der Regel dann geschieht, wenn die Profitabilität steigt. So verlangsamte sich in der Zeit, in der die Profitabilität in den USA sank (1964 – 1982), der Anstieg der Angebotskapazitäten, während sich die Inflation beschleunigte. Im Zeitraum von 1982 bis 2007, als die Profitabilität stieg, nahmen die Angebotskapazitäten zu und die Inflation verlangsamte sich.

Shaikh liefert empirische Belege zur Untermauerung dieser Theorie und widerlegt gleichzeitig die keynesianische Phillips-Kurve. Ich habe seine Grafik 15.10 aus seinem Hauptwerk Capitalism (S. 711)15 reproduziert und neu berechnet.

Die Grafik zeigt eine hohe Korrelation (0,63) zwischen steigender Inflation und der Ausschöpfung der Kapazitäten (mit anderen Worten: einen sich verlangsamenden Angebotsanstieg) und umgekehrt. Die Korrelation ist in der inflationären Teilperiode (mit sich beschleunigendender Inflation) 1948 – 1981 sehr hoch (0,83) und auch in der disinflationären Periode (mit sich verlangsamender Inflation) von 1982 bis 2010 noch relativ stark (0,59).

Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis definieren Inflation als Phänomen, »bei dem die Gesamtsumme der Marktpreise in der Wirtschaft über einen nennenswerten Zeitraum hinweg die Gesamtsumme der Produktionspreise deutlich übersteigt«.16

Ein starkes und anhaltendes Inflationsphänomen (nämlich der Anstieg der Gesamtmarktpreise über die Gesamtproduktionspreise hinaus) entsteht, wenn die Nachfrage des Kapitals nach mehr Produktionsmitteln über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg die Investitionen deutlich übersteigt.17

Warum sollte die Nachfrage zeitweise die Investitionen übersteigen? Mavroudeas und Chatzirafailidis stützen sich auf Marx’ Reproduktionsschema, wie es in Band 2 des Kapitals dargelegt ist.18 Für sie ist die Inflation auf die systematische Überakkumulation von Kapital zurückzuführen, insbesondere auf eine unaufhörliche Nachfrage nach mehr Produktionsmitteln. Investitionen in mehr Produktionsmittel im Verhältnis zur Arbeit treiben die organische Zusammensetzung des Kapitals in die Höhe, was wiederum letztlich zu einem Rückgang der Profitabilität führt, der die Investitionen verlangsamt und ein schwächeres Produktionswachstum zur Folge hat. So übersteigt die Nachfrage das Angebot, die Marktpreise steigen über die Produktionskosten hinaus, und es kommt zur Inflation.

Bei beiden Theorien ist zu begrüßen, dass sie die Rolle der Profitabilität von Kapital in den Mittelpunkt der Inflationsursachen stellen. Im Unterschied zu Shaikh betonen Mavroudeas und Chatzirafailidis, dass die Angebotsseite im marxschen Sinne vom Wertzuwachs der Waren abhängt:

»Inflation sollte nicht einfach als ein Prozess verstanden werden, in dem die Marktpreise der Waren vage über ein willkürliches ›normales‹ Preisniveau hinaus steigen. Im Gegenteil, sie sollten die Werte der Waren als ihre ›Anker‹ haben.«19

Meiner Ansicht nach liefern jedoch beide Theorien keine vollständige marxistische Inflationstheorie. Shaikh sagt zwar, dass die Gesamtnachfrage durch Kreditwachstum beziehungsweise durch die im Umlauf befindliche Geldmenge angetrieben wird – was meiner Meinung nach richtig ist –, doch liefert er keine Erklärung dafür, weshalb sich diese Nachfrage beschleunigen oder verlangsamen sollte. Was er nicht erklärt, ist, weshalb die Nachfrage nicht ebenfalls mit einem Rückgang der Angebotskapazität sinkt und so eine Inflation verhindert wird. Schließlich ist es genau das, was in einer Konjunkturflaute geschieht. Auch seine Betonung der Kapazitätsauslastung20 anstelle der Wertwachstumsrate auf der Angebotsseite der Inflationsgleichung deutet eher auf eine keynesianische Theorie der Übernachfrage als auf die marxistische Werttheorie hin.

Im Gegensatz dazu sehen Mavroudeas und Chatzirafailidis den Wert der Rohstoffe eindeutig als Anker der Produktionspreise, um den herum die Marktpreise schwanken. Dem Geld messen sie jedoch keine Rolle bei. Für sie ist die Preisinflation in einer kapitalistischen Wirtschaft ein rein reales und kein monetäres Phänomen.

Sie gehen von der Annahme aus, dass Geld eine Ware (Gold) ist, was die Rolle des Geldes bei der Inflation ausschließt. Dies ist unrealistisch in modernen Volkswirtschaften, in denen Geld von Zentralbanken und Regierungen geschaffen werden kann (Fiatgeld), das nicht an den Wert der Ware Gold gebunden ist. In modernen Volkswirtschaften kann das Geldmengenwachstum vom Wertwachstum der Rohstoffe abweichen und somit die Marktpreise beeinflussen. Ohne die Berücksichtigung des Geldes lässt sich nicht erklären, weshalb die Nachfrage das Angebot übersteigen und Inflation verursachen sollte.

Im dritten Teil werde ich vorstellen, was Carchedi und ich als »Werttheorie der Inflation« bezeichnen, die die Rolle der Profitabilität des Kapitals, Wertveränderungen bei Waren und die Rolle des Geldes einbezieht. Die Zusammenführung all dieser Aspekte ergibt eine umfassendere Theorie.

Anmerkungen

1 Stefanie Kelton: The Deficit Myth: Modern Monetary Theory and the Birth of the People’s Economy (New York: Public Affairs, S. 46) – Deutsch: Der Defizit-Mythos: Die Modern Monetary Theory und die Gestaltung einer besseren Wirtschaft (Lola Books, Berlin 2021, ISBN 978-3-944203-60-7)

2 Wörtlich: »vergoldetes Zeitalter« (im Unterschied zu »goldenes Zeitalter«); Wirtschaftsphase in den USA um die 1880er Jahre herum mit nominell hohen Löhnen, hoher Einwanderung, horrenden Mieten und Herausbildung einer Kaste von Superreichen.

3 Ausdruck für eine Wirtschaftsphase in den USA mit milden Wirtschaftszyklen, die Mitte der 1980er begann und nach allgemeiner Meinung mit der Krise 2007/08 endete (Wikipedia englisch)

4 Lexikon der Wirtschaft: Disinflation, auch »Desinflation« genannt

5 Paolo Sylos-Labini: Prices and Income Distribution in Manufacturing Industry (Journal of Post Keynesian Economics, 2/1: 3-25, S. 17, DOI 10.1080/01603477.1979.11489134 – Bezahlschranke)

6 Das Zitat stammt aus M.C. Howard, J. E. King: A History of Marxian Economics: Volume II, 1929 – 1990 (Princeton University Press 1992, S. 314) und soll zusammenfassen, was Sweezy angeblich meinte. Mit Paul Sweezy, Paul A. Baran: Monopoly Capital: An Essay on the American Economic and Social Order (Monthly Review Press, New York 1966) hat das Zitat nichts zu tun. Sweezy vertrat eher eine Theorie der oligopolistischen Preisrigidität (geknickte Nachfragekurve von 1939). Leider sitzen Sweezys zentrale Texte im Monthey Review, die die Inflation behandeln, hinter Bezahlschranken, z.B. Varieties of Inflation (Monthly Review 30, March 1979); The Economic Crisis in the United States (Monthly Review 33, December 1981).

7 Anmerkung zur Übersetzung: In marxistischen Zusammenhängen wurden »profit« und »profitability« mit »Profit« beziehungsweise »Profitabilität« übersetzt, in nicht-marxistischen mit »Gewinn« und »Profitabilität«. Profitabilität/profitability ist im bürgerlichen Jargon ein Maß für das Geldplus (oder -minus), das bei den Geschäftsaktivitäten eines Unternehmens rausspringt. Rentabilität/rentability ist ein Maß für die Rendite auf investiertes Kapital. In der Rendite steckt der Anteil am Profit nicht drin, der ins Unternehmen investiert, anstatt ausgeschüttet, wird.

8 Paul Mattick: Economics, Politics and The Age of Inflation – Chapter 1 (Routledge, London 1977)

9 Ernest Mandel: Karl Marx – VI. Marx’s Theory of Money (in: J Eatwell, M Milgate & P Newman (eds.), Marxian economics, London 1990). Buch in Deutsch: Ernest Mandel Karl Marx – Die Aktualität seines Werkes (isp-Verlag 1984/2018)

10 Chris Harman: Do Wages Cause Inflation? (Socialist Review 10, March 1979). Roberts zitiert falsch in der Gegenwartsform: »in a boom, capitalists feel confident that their goods would sell, even if they increased their prices. … Once the recession sets in, capitalists have to respond … [by] contracting markets [and] have to slash prices.« Der Originaltext steht in der Vergangenheitsform, und aus dem Kontext geht hervor, dass Harman die Erklärung als heute nicht mehr zutreffend auf den Konkurrenzkapitalismus bezieht. Originaltext (nicht im Zitat enthaltener Text Grau): »In a boom, capitalists felt confident that their goods would sell, even if they increased their prices. So when profit was threatened by rising costs, they raised prices to try to protect themselves. Once certain goods had increased in price, other capitalists raised their prices so as to maintain their profits after paying for those goods. Workers too pushed for higher wages so as to protect their living standards. An inflationary spiral developed, very much like that we see today. … Once the recession set in, capitalists had to respond to the pressure on their profits in a different way. Contracting markets meant they could not sell goods at existing prices let alone at prices that were raised in an effort to protect profits. They had to slash prices, and then enforce even greater wage cuts on their workers if profits were not to disappear. … However, as capitalism has grown old, there has been a seizing up of the mechanisms which previously meant a fall in prices during a crisis, and a lowering of the organic composition of capital.«

11 Joseph Choonara: Uncertain future: workers in the pandemic (International Socialism 21.12.2021)

12 Ausmaß der Wachstumsauslastung / Wachstumsauslastungsrate (degree of growth utilization / growth-utilization rate): Das maximale Ausmaß, in dem sich die Produktion erhöhen lässt, wird im Wesentlichen begrenzt durch die Verfügbarkeit von Arbeitskraft mit passenden Fähigkeiten, von investitionsfähigem/-willigen Kapital (Profitraten im Produktionssektor), von technologischen/materiellen Ressourcen. – Nicht zu verwechseln mit »Kapazitätsauslastung«.

13 Anwar Shaikh: Capitalism: Competition, Conflict, Crises (Oxford University Press, New York 2016), S. 695

14 Anwar Shaikh: Capitalism: Competition, Conflict, Crises (Oxford University Press, New York 2016), S. 702

15 Anwar Shaikh: Capitalism: Competition, Conflict, Crises (Oxford University Press, New York 2016)

16 Stavros Mavroudeas, Athanasios Chatzirafailidis: Inflation and the Marxist Theory of Reproduction (World Review of Political Economy, 16/3, Fall 2025, pp. 434-455, S. 439)

17 Originaltext von Roberts: »A strong and persistent inflationary phenomenon (namely the rise in total market prices above the total prices of production) arises when the capitalists’ demand for more means of production significantly exceeds investment for a considerable period.« Das ergibt so keinen Sinn, denn die Nachfrage nach Produktionsmitteln stellt Investitionen dar. Mavroudeas und Chatzirafailidis schreiben: »if the demand for investment and consumption exceeds aggregate production, the market prices would surge above their prices of production« / »übersteigt die Nachfrage nach Investitionen und Konsum die Gesamtproduktion, wachsen die Marktpreise über die Produktionskosten hinaus« (S. 442). Und weiter: Eine nachfrageinduzierte Inflation in Sektor I (Produktionsmittel­produktion) würde sich in Sektor II (Konsumtionsmittel­produktion) als kosteninduzierte Inflation äußern, so dass die Summe der Marktpreise im Allgemeinen die Summe der Produktionskosten übersteigt, obwohl nur die Marktpreise von Sektor I ihre Produktionskosten übersteigen (S. 449).

18 Marx: Das Kapital II, S. 485ff – 21. Kapitel: »Akkumulation und erweiterte Reproduktion« in Abschnitt III: »Die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals«

19 Stavros Mavroudeas, Athanasios Chatzirafailidis: Inflation and the Marxist Theory of Reproduction (World Review of Political Economy, 16/3, Fall 2025, pp. 434-455, S. 438)

20 Roberts Originalausdruck: »capacity utilisation« (also nicht Shaikhs »growth utilization«)

Bild: Brotkauf 1923 in Deutschland, Wikimedia Commons | Will Potter

Michael Roberts arbeitete über 40 Jahre lang als Ökonom in der Londoner City. Von innen heraus, aus der Höhle des Löwen, hat er die Machenschaften des globalen Kapitalismus genau beobachtet. Gleichzeitig war er jahrzehntelang als politischer Aktivist in der Arbeiterbewegung tätig. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand hat er mehrere Bücher verfasst: »The Great Recession – a Marxist view« (2009); »Die lange Depression« (2016); »Marx 200: Ein Überblick über Marx’ Wirtschaftstheorie« (2018); sowie gemeinsam mit Guglielmo Carchedi als Herausgeber von »World in Crisis« (2018). Er hat zahlreiche Beiträge in verschiedenen wissenschaftlichen Wirtschaftszeitschriften sowie Artikel in linken Publikationen veröffentlicht.

https://thenextrecession.wordpress.com/

3 thoughts on “Theorien der Inflation 2. Teil: Heterodoxe und marxistische Sichtweisen”

  1. »Der Wettbewerb tendiert dazu, sich durchsetzen, selbst bei Oligopolen. Daher kann der marktbestimmte »Monopolpreis« nicht lange vom Produktionspreis abweichen.«

    Das ist lächerliches Wunschdenken. Wenn hinter den Mitgleidern des Oligopols EIN INTERESSE steht, wie heute mit Blackrock/Vanguard/StateStreet dann diktiert das Oligopol den Preis, und zwar so, dass weiterhin genug gekauft werden kann, mit einem so gewählten Preis, dass der Profit maximiert werden kann.

    Es ist eine mathematische Optimierungsaufgabe durch die gerade maximal viel abgemolken wird, so dass die Kuh gerade eben nicht daran daran verreckt.

    Im übrigen habe ich zum ersten Teil eine Erklärung für Inflation gepostet, die vollauf genügt. Alles andere herumgeschwurbel, auch wenn es im Mantel einer scheinbar sachlichen Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansätzen geschieht, dient nur der Verwirrung. Diese Zusammenstellung völlig gegensätzlicher Theorien kann eigentlich nur eines zeigen: die üblichen Erklärungen taugen alle nichts. Und warum? Weil alle eines gemeinsam haben: sie wollen nichts erklären sondern nur alles Verunklaren.

    Ein Grundzug JEDER gängigen Wirtschaftstheorie seit Marx.

    1. »Es ist eine mathematische Optimierungsaufgabe durch die gerade maximal viel abgemolken wird, so dass die Kuh gerade eben nicht daran daran verreckt.«

      Und man schaue sich nur einemal an wie der Staat an diesem System gerade massiv mitverdient. Die jetzt versprochenen 15 Cent Rabatt sind ein Witz angesichts der Tatsache, dass die Mineralöl-Pseudooligopole schnell diese 15 Cent wieder für die eigenen Tasche draufgesattelt haben werden.

      Die räuberischen Konzerne haben sich einen räuberischen Staat geschaffen und eine Hand wäscht die andere. Die eine Hand hilft der anderen Hand das Maximale aus unserern Taschen zu holen, und die andere Hand hilft der einen Hand ebenso dabei. Das ist ein Raubsystem in Perfektion.

      Und eine »Übergewinnsteuer« gehört genauso zu dem System, mit dem wir ausgenommen und verarscht werden weil der Staat zum Komplizen der Großkonzerne ausgebaut wurde.

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