Was eine Freie Linke ausmacht

Die Eigentumsfrage, reale Utopien und der Umbau von ganz unten

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag, gehalten auf der Dritten Internationalen Konferenz der Antilockdownlinken im Juli 2026 in Erfurt.

Zusammenfassung

Reform oder Revolution: ein Jahrhundert lang schien dies die ganze Wahl zu sein, vor die sich eine Linke gestellt sah. Beide Wege haben sich, in ihrer überlieferten Gestalt, erschöpft; die Zähmung des Kapitalismus ist der reformerischen Linken nicht geglückt, und der Versuch, den Staat mit Hilfe einer Kaderpartei zu erobern, hat, wie sich zeigen wird, in Erstarrung und Terror geendet. Der Beitrag geht dieser Erschöpfung entlang der Geschichte der egalitären Strömung nach – vom Scheitern des Sowjetsystems über den vergessenen Schatz der deutschen Linkssozialisten bis zu Erik Olin Wrights Realen Utopien – und schlägt einen dritten Weg vor: nicht gegen das System anzurennen, sondern in seinen Rissen zu bauen. Im Mittelpunkt steht die Frage, die eine Linke überhaupt erst zu einer Linken macht: Wem gehört was, und nach welchen Regeln? Konkret wird das bei lokalen und regionalen Verbünden, in Vereinen, Genossenschaften und Stiftungen, bei einer entstehenden Doppelmacht, die keines zweiten Staatsapparates bedarf, und bei einem Umbau von ganz unten, der am eigenen Körper beginnt.

Es sei vorausgeschickt, was der Leser ohnehin bald bemerken würde: eine fertige Theorie der modernen Linken wird hier nicht vorgetragen, und zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil es sie nach Auffassung des Verfassers nicht gibt. Man frage sich nur, was aus den Bewegungen geworden ist, die mit einer fertigen Theorie begonnen haben; sie endeten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit einem fertigen Apparat – wie das im Einzelnen zugeht, wird noch zu betrachten sein. Was hier zusammengetragen wird, sind daher Beobachtungen, Erfahrungen und Überlegungen, nicht mehr, aber auch nicht weniger, und ihr Zweck ist ein bescheidener: eine Diskussion in Gang zu bringen.

Geschichtlich, so hat es Domenico Losurdo (2017) in Erinnerung gerufen, ist die Linke dort entstanden, wo reale Bewegungen des Protestes und der Befreiung auf eine Theorie trafen, die sich der kritischen Prüfung der bestehenden Ordnung verschrieb. Zwischen dem ausgehenden neunzehnten und dem beginnenden zwanzigsten Jahrhundert hat sie sich, vielfach an Marx und Engels geschult, an drei Fronten bewegt: für die soziale und politische Befreiung der unteren Klassen, für die Emanzipation der Frauen und gegen Kolonialherrschaft und Kolonialkrieg. Gerade an der letzten Front indessen waren die Schwankungen unübersehbar; sie führten im Ersten Weltkrieg zur Ohnmacht der sozialistischen Bewegung und schließlich zu ihrer Spaltung. Nur von hier aus versteht man jenes »Gefühl tiefster Bitterkeit«, mit dem Lenin dem »chauvinistischen Bacchanal«1 begegnete, das die Zweite Internationale ergriffen hatte.

Heute liegen die Dinge, man muss es nüchtern sagen, gänzlich anders. Von den übrigen bürgerlichen Parteien kaum noch zu unterscheiden, ist die Linke der Gegenwart zum eingefügten Bestandteil jener Einparteienherrschaft mit Wettbewerbscharakter geworden, wie sie den entwickelten kapitalistischen Ländern eigentümlich ist.

Es gibt, zum Glück, auch eine andere Linke, die sich dem Bestehenden nicht anpasst, sondern ihm eine grundsätzliche Alternative entgegensetzen möchte. Nur: Wie weit löst sie ihr Versprechen ein? Ein methodischer Wink des fünfundzwanzigjährigen Marx an die Radikalen seiner Generation hilft hier weiter – bei politischen Entwürfen von den »realen Kämpfen« auszugehen. »Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.«2 Mit anderen Worten: Ein Plan gesellschaftlicher Veränderung, so radikal er sich gebärde, vermag auf die Wirklichkeit nicht einzuwirken, solange er nicht von realen Bewegungen ausgeht.

Und eben hier zeigt sich ein Bezeichnendes: Im Umkreis der westlichen Linken neigt die kritische Theorie dazu, sich von den »realen Kämpfen« zu entfernen, die ihr mehr denn je als »dummes Zeug« gelten. Was übrig bleibt, ist das Vertrauen auf »Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt«3 wurden, wie es, nicht ohne Spott, schon im Kommunistischen Manifest heißt.

Denn jede geschichtliche Wende verlangt ein gründliches Überdenken: Die neue Lage will analysiert, die Strategie will bestimmt sein. Das gilt in besonderem Maße für Bewegungen, die sich einem Prozess der Veränderung und einem Projekt der Emanzipation verschrieben haben – mithin für die »Linke«. An der Radikalität der Wende ist nicht zu zweifeln; und gerade sie nötigte zu jenem Überdenken, dem sich die westliche Linke, gleichviel ob »gemäßigt« oder »radikal«, bislang entzogen hat. In der Tat pflegt sie eine Kultur, die nicht selten im Widerspruch zu dem Ziel steht, das zu verfolgen sie vorgibt.

Eben darum sind die Unterschiede innerhalb der Linken nichts Geringfügiges: zwischen der imperialen Linken, die sich dem Imperium unterordnet, und jener, die sich ihm widersetzt; zwischen der Linken, die sich neoliberalen Positionen angeglichen hat, und derjenigen, die an der Verteidigung der sozialen und ökonomischen Rechte festhält. Ungeachtet einzelner Zeichen eines neuen Aufschwungs erscheint die Linke im Westen, aufs Ganze gesehen, von Verwirrung und Zerfall gezeichnet.

Das ist eine besorgniserregende Lage, und sie lässt sich weder durch das Anprangern des Opportunismus noch durch Appelle an revolutionäre Zielstrebigkeit überwinden. Was zuerst gebraucht wird, ist eine Analyse der neuen weltweiten Lage. Auch dieser Beitrag will nichts anderes, als eine Debatte darüber eröffnen.

I. Was eine Freie Linke ausmacht

Wovon eigentlich ist die Rede, wenn von einer »Freien Linken« gesprochen wird?

Es gibt darauf eine bequeme Antwort: frei von der alten Theorie. Endlich los von Marx, von der mühsamen Analyse, von den schweren Begriffen – und, gleich mit dazu, von den unbequemen praktischen Folgerungen. Die Lesart ist verständlich, denn die alte Theorie erscheint manchem als Ballast eines gescheiterten Jahrhunderts. Nur greift sie zu kurz. Denn wann je hätte die Linke der marxistischen Analyse entraten können? Das Werkzeug wird nach wie vor gebraucht. Wer die Analyse über Bord wirft, wirft den Kompass über Bord – und das soll dann Freiheit heißen?

Worin also läge das Freie? Man betrachte zunächst das Gegenbild, wie die orthodoxe, die dogmatische marxistische Linke denkt; das Bild ist aus hundert Sitzungen vertraut. Sie kennt, häufig genug, die Antwort, ehe die Frage gestellt ist. Sie weiß im Voraus, wer die Gesellschaft verändern wird – das Proletariat; sie weiß, wohin die Reise geht – in den sozialistischen Staat; und sie weiß, wer das besorgt – die Kaderpartei im Bunde mit den Massen. Und sie spricht eine Sprache, die vor allem eines beweisen soll: dass man dazugehört. Wer die Vokabeln beherrscht, gehört dazu; wer nachfragt, macht sich verdächtig.

Das Freie an einer Freien Linken ist demgegenüber die Weigerung, das alles schon zu wissen. Das Subjekt bleibt offen, die Form bleibt offen, der Weg bleibt offen; und der einzige Weg zur Erkenntnis ist die genaue Analyse.

Dahinter steht, wohlgemerkt, eine Tradition und keine Erfindung von gestern: eine, die sozialistische Kritik nicht als Parteidogma nimmt, sondern als demokratische Praxis – Emanzipation, soziale Gleichheit und eine offene Bewegungsform, gelernt aus den Irrtümern des Parteikommunismus, ohne doch das Ziel sozialer Befreiung preiszugeben. Darauf wird zurückzukommen sein.

Wenn aber alles offen ist – Subjekt, Form, Weg –, was hält diese Linke dann noch zusammen? Wird »frei« nicht zur Beliebigkeit, zu jenem lauwarmen »Wir sind doch alle für das Gute«, das noch nie etwas bewegt hat?

Wer so fragt, übersieht, dass eben nicht alles offen ist: Frei ist die Diskussion, nicht die Frage. Die Frage steht fest – wem gehört was, und nach welchen Regeln? Warum aber gerade diese? Weil Eigentum, Macht und Herrschaft den Kern dessen ausmachen, was eine Linke von anderen scheidet – und weil diese Frage trennt, was sonst zum Verwechseln ähnlich aussieht. Eine Genossenschaft und ein Private-Equity-Fonds sind eben nicht zwei Spielarten desselben Wirtschaftens; ein gemeinwirtschaftliches Unternehmen und ein Hedgefonds, der Betriebe aufkauft und ausschlachtet, folgen entgegengesetzten Logiken, so gewiss beide Bilanzen schreiben und Löhne zahlen. Wer die Eigentumsfrage stellt, trägt darum ein Erkennungszeichen, das ihm die Herrschenden nicht verleihen können. Und er verbündet sich mit niemandem, der diese Frage nicht stellen mag; taktische Querfront-Spielereien scheiden damit von selbst aus. Das ist genug, um eine Linke zusammenzuhalten, und wenig genug, um aus ihr keine Sekte zu machen.

II. Was steht einer Freien Linken im Weg?

Es sind, im Kern, drei Hindernisse, und das gewichtigste ist, wie so oft, die eigene Geschichte.

Das erste betrifft den Umgang mit der sowjetischen Erfahrung. Ein Teil der Linken liest die Geschichte der Sowjetunion bis heute wie eine Schablone, die man nur richtig aufzulegen brauche – dann klappe es beim nächsten Mal. Das Bittere daran ist, dass fast nichts gelernt wurde, obwohl sich die Geschichte ziemlich genau erzählen ließe.

Man beginne mit der Frage, was denn eigentlich das Spezifische am Kapitalismus sei. Der Berliner Ökonom Rainer Land hat es auf die Verbindung zweier Dinge gebracht: einer gesellschaftlichen Produktion, in der Millionen arbeitsteilig voneinander abhängen, und der privaten Aneignung des Mehrwerts, den diese Arbeit hervorbringt. Was aber tat der reale Sozialismus? Er ersetzte, so Land, die private Aneignung durch die staatliche – und veränderte damit nur die zweite Hälfte der Gleichung. Die gesellschaftliche Produktion blieb, ihre Koordinationsprobleme blieben, und obendrauf kam ein bürokratischer Apparat, dem die Beweglichkeit des Marktes ebenso fehlte wie die Legitimation einer echten Gemeinschaftsordnung. Eben die Vorstellung, man überwinde den Kapitalismus, indem man Geld, Kapital und kaufmännische Rechnung abschaffe, gilt Land als eine der entscheidenden Ursachen für Stagnation und Niedergang der realsozialistischen Planwirtschaften.

Was diesem System fehlte, lässt sich in zwei Punkten benennen. Es fehlte die unternehmerische Initiative – das Ausprobieren, Riskieren, Scheitern und Lernen. Und es fehlte der Mut, mit Eigentumsformen zu experimentieren, die nicht vorwiegend staatlich organisiert und kontrolliert sind. Solche Formen hätten die Grundordnung nicht gefährdet; im Gegenteil, sie hätten zur Versorgung beigetragen und der Schattenwirtschaft den Boden entzogen.

Warum aber scheiterte der Versuch im Ganzen? Das Scheitern steckte, genau besehen, schon in den Voraussetzungen. Das klassische Modell nahm stillschweigend an, die Arbeiterschaft eines reifen Kapitalismus bleibe egalitär gesinnt, sie sei hochqualifiziert, und die Umwälzung komme in allen Industrieländern gleichzeitig. Man blicke nun auf Russland 1917: ein bäuerliches Land mit schmaler Arbeiterelite, ohne entwickelten Mittelstand, ohne die Ingenieure und Handelskundigen, deren eine moderne Wirtschaft zu ihrer Steuerung bedarf – keine der drei Voraussetzungen war gegeben. Die erste hatten Marx und Engels selbst schon angezweifelt: Den qualifizierten Facharbeitern, der späteren »Arbeiteraristokratie«, misstrauten sie – und sie sahen richtig. Das Subjekt, auf das alles gebaut war, löste sich auf, während es sich bildete.

Lenin ist vor diesem Hintergrund als Realpolitiker zu nehmen. Er sah, wie schwach das bürgerliche Lager war, und setzte auf die verarmte Bauernmasse, die er in einer Art Erziehungsdiktatur zum Sozialismus zu führen gedachte. Sinnvoller wäre ein anderes gewesen: die Übergangsregierung zu stützen und die Bauern durch eine vernünftige Agrarreform zu gewinnen. Dem aber stand der orthodoxe Vorbehalt gegen jedes Privateigentum entgegen; und weil bäuerlicher Eigensinn nun einmal am Boden als Eigentum hängt, musste dem Umsturz bald der Zwang folgen. Die Revolution, angeblich »von unten« getragen, kam in Wahrheit von oben. Orthodoxie schlägt am Ende, man darf es getrost verallgemeinern, in Terror um.

Drei strukturelle Mängel besiegelten sodann das Ende. Erstens fehlten die qualifizierten Leute: Eine revolutionäre Bewegung verfügt wohl über gute Untergrundkämpfer, doch das Management einer ganzen Gesellschaft ist ihnen fremd – und im Detail, das weiß man, sitzt der Teufel. Zweitens war die Planwirtschaft zu wenig durchdacht. Sie beruht auf ineinander verzahnten Plänen; fehlt auch nur ein Schraubentyp, bleibt die Maschine mitten im Ablauf liegen, und das Lückenstopfen geschieht im Verborgenen – auf Dauer der sichere Weg zu Betrug und Selbstbetrug. Drittens ein falsches Menschenbild: Die »sozialistische Moral« sollte ausgleichen, was die Organisation nicht leistete. Eine Weile trug der revolutionäre Schwung. Sobald aber zu beobachten war, dass man in den Führungsstellen auch ohne sie sehr gut, ja besser lebte, schmolzen Bravour und »Moral« rasch zusammen.

Am aufschlussreichsten indes ist, wie das Ende ablief; man kann es als Generationengeschichte erzählen. In der ersten Generation stammte praktisch jeder vom Bauernhof, tüchtig vielleicht, aber ungebildet. In der nächsten schoben sich die Kinder der Funktionäre vor. Und in der dritten, mit der Öffnung des Landes, wuchs endlich eine hochqualifizierte Generation heran, voller Wissbegier, mit weit tieferem Wissen um die Mängel des eigenen Systems. Aus ihr kam Gorbatschow – und eben sie stieß auf das starre Gefüge der Führungsschicht. Auf jedem einträglichen Posten saß ein »bewährter Genosse«. Wohin also mit ihnen, und mit welcher Begründung? Die Bedingungen für einen gewaltigen Eliten-Stau waren ideal. Der Druck wuchs bis zur Explosion, verdichtet in zwei Wörtern: Glasnost und Perestroika. Und weil der Umbau auf sich warten ließ, drängten die örtlichen Eliten weiter nach vorn – der Anfang der Regionalisierung. Ein nach oben konzentriertes System zerfällt von der erstarrten Mitte her, während das Leben sich in die Regionen zurückzieht. Die Antwort auf das Scheitern der überzentralisierten Ordnung liegt mithin nicht in einem besseren Plan von oben. Sie liegt unten, in der Region.

Ein Kapitel fehlt dieser Geschichte noch: der politische Sauberkeitswahn (Klönne 2015). Parteiausschlüsse, Unvereinbarkeitsbeschlüsse, »Säuberungen« – sie dienten überwiegend nicht dazu, getarnte Gegner loszuwerden, sondern dazu, die Diskussion einzuschränken und Disziplin durchzusetzen: in der KPdSU im Stil der heiligen Inquisition, in der westlichen Sozialdemokratie eher im Managementverfahren – beide Male wurde die Opposition erstickt. Eine Partei, die kritische Stimmen mit dem Etikett »schädlich für die Partei« stilllegt, entledigt sich am Ende ihrer eigenen Substanz. Ungehemmte innerparteiliche Demokratie ist eben kein Luxus. Sie ist die Überlebensbedingung.

Mit dieser Organisationsform hängt das zweite Hindernis unmittelbar zusammen: das orthodoxe Bild der Revolution. Das gewohnte Bild zeigt Massen, die mit Fahnen auf die Straße strömen – besetzte Gebäude, die Polizei weicht, die Armee bleibt in den Kasernen. So war es im November 1918: Überall bildeten sich Räte, der Kaiser dankte ab, und eine fast fünfzigjährige Monarchie stürzte binnen Tagen. Ein gewaltiges Bild – nur ist es eines des neunzehnten Jahrhunderts. Ein revolutionäres Subjekt erobert den Staat, geführt von einer revolutionären Partei: So steht es im Drehbuch, aber das Drehbuch beschreibt eine Welt, die es nicht mehr gibt. Schon Engels ahnte es nach der Niederlage der Pariser Kommune – erst müssten sich die Verhältnisse so wandeln, dass der militärische Kampf, ohnehin nicht zu gewinnen, entbehrlich werde; auch Trotzki war dieser Meinung. Ausgerechnet die, die sich am lautesten auf die Klassiker berufen, überhören diesen Hinweis am beharrlichsten.

Das dritte Hindernis endlich liegt in der Gegenwart: jüngere Fehleinschätzungen, mit denen ein großer Teil der Linken das Vertrauen vieler Menschen verspielt hat. Vier davon seien genannt.

Erstens das Corona-Regime. Eine Linke, die sich rühmt, immer zuerst zu fragen, wem etwas nütze und wer es bezahle, hätte 2020 genau das fragen müssen. Stattdessen erklärte ein großer Teil von ihr jeden Zweifel zur rechtsoffenen Gefahr und stellte sich – im Namen der Solidarität, versteht sich – auf die Seite eines Ausnahmeregimes. Über Virologie soll hier nicht gestritten werden; die Frage ist eine andere, und sie ist unbequem: Warum wurde das Fragen eingestellt? Als selbst ein früherer Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, dem höchsten Gericht vorhielt, es habe eine Blankovollmacht für Grundrechtseinschränkungen jeden Ausmaßes erteilt – spätestens da hätte die Linke erwachen müssen.

Zweitens der sogenannte »menschengemachte« Klimawandel. Dass die Natur geplündert wird, gehört zu den zentralen Tatsachen unserer Zeit; Elmar Altvater (2018) hat vorgeschlagen, statt vom Anthropozän vom Kapitalozän zu sprechen: Nicht »der Mensch« verwüstet die Erde, sondern eine bestimmte Produktionsweise. Zur Diskussion steht denn auch nicht der Raubbau, sondern seine Verpackung – die Verengung auf individuelle Schuld, auf Konsumverzicht, auf Marktinstrumente wie den Emissionshandel, die, wie zufällig, ein neues Feld kapitalistischer Verwertung eröffnen, ohne die Eigentumsfrage zu berühren, ja sogar neue Eigentumstitel schaffen.

Drittens der Genderdiskurs. Anerkennung ist nichts Unwichtiges – aber taugt sie als Ersatz für die Eigentumsfrage? Ein Fonds, der eine Arztpraxis aufkauft, interessiert sich für die Pronomen seiner Belegschaft nicht im Geringsten. Eine Linke, die ihren Schwerpunkt dorthin verlegt, wird verträglich mit dem liberalen Flügel der Besitzenden – und fremd für die lohnabhängige Mehrheit.

Und viertens, was am wenigsten reflektiert wird: die Sprache. Viele wenden sich von der Linken nicht deshalb ab, weil sie soziale Gerechtigkeit ablehnten, sondern weil sie moralische Überheblichkeit, unverständliche Fachsprache und ritualisierte Debatten abstoßend finden. Dabei wäre die Abhilfe einfach: Man muss die Begriffe nur übersetzen. Statt »Mehrwert« sage man, was übrig bleibt, wenn alle bezahlt sind. Statt »Entfremdung«: nicht mehr erkennen, wofür man arbeitet. Und statt »Vergesellschaftung« – ein Wort, das im Mittelstand jede Tür schließt – Eigentumssicherung durch Verteilung, was dasselbe meint und das Gegenteil an Widerstand erzeugt. Die Begriffe verlieren bei dieser Übersetzung nichts von ihrer Schärfe; sie gewinnen nur Zuhörer. Verständlichkeit verkleinert die Reichweite nicht. Sie vergrößert sie.

Alle drei Hindernisse verweisen auf dasselbe Muster. Denn mit orthodoxem Parteikommunismus ist nicht bloß eine Epoche gemeint, sondern ein Muster, das bis heute fortwirkt: Es gebe ein revolutionäres Subjekt mit historischem Auftrag; dieses müsse sich als Partei organisieren; und die Eroberung des Staates sei der entscheidende Hebel. Das Erbe ist zäh – Sauberkeitsrituale, Loyalitätsprüfungen, eine Sprache, die sich von den Menschen entfernt. Eine Linke, die auf Disziplin statt auf Deliberation setzt, verliert genau das, worum es ihr gehen sollte: gesellschaftliche Selbstbestimmung.

III. Der Wettlauf der egalitären und antiegalitären Strömungen

Warum aber sitzt dieses Muster so tief? Warum mündet der egalitäre Impuls immer wieder in eine Form, die ihn beschneidet? Die Antwort reicht weiter zurück, als die drei Hindernisse vermuten lassen – bis in einen Wettlauf, der die ganze Moderne durchzieht und bis heute nicht entschieden ist: den zwischen egalitären und antiegalitären Strömungen. Ein Rückgriff auf das neunzehnte Jahrhundert ist dazu unerlässlich; die Gegenwart erklärt sich aus dieser Geschichte.

Der bürgerliche Kapitalismus entstand aus Ehrgeiz, aus Erfolgs- und Profitstreben – mit den Nebenprodukten der Öffnung der Welt und der Möglichkeit sozialen Aufstiegs. Und mit ihm entstand etwas, das man leicht übersieht: ein Eliten-Konsens. Der Kampf um die Entscheidungsgewalt im Lande war entschärft. Warum? Neben den Regierungsämtern gab es plötzlich viele andere gut dotierte Positionen – in Handel, Industrie, Banken, Verwaltung –, und so konnte der parlamentarische Machtwechsel entspannt und unblutig verlaufen. Wer die Wahl verlor, verlor eben nicht alles; er wechselte auf einen anderen einträglichen Posten und wartete. Man erkennt hier das Gegenstück zum sowjetischen Eliten-Stau: Der Kapitalismus besaß, was der Sowjetunion fehlte – Stellenelastizität. Zuerst zeigte sich das in England, bei Tories und Whigs.

In Deutschland lag die Sache anders. Der deutsche Stadtbürger hat sich nie geschlossen gegen den Feudaladel erhoben; er war, wie man gesagt hat, »nie ein Souverän«. Den selbstbewussten Bürger, den Frankreich hervorbrachte, gab es hier nicht, weil die feudalen Strukturen tiefer in die kapitalistische Entwicklung hineinreichten als anderswo: Deutschland blieb zu lange in den Fesseln der Vergangenheit – und sprengte sie dann zu jäh, ohne politische Reife. Der deutsche Bürger richtete sich erst gemütlich im Kapitalismus ein, um dann, als verspäteter Expansionist, nach Macht zu greifen. Dahinter stand schlichte ökonomische Rückständigkeit, und die Zahlen sprechen für sich.

Die Industrialisierung begann erst um 1770, und auch das nur zaghaft; die eigentliche Technisierung von Handwerk und Manufaktur setzte gar erst um 1850 ein – rund hundert Jahre hinter England. Das Land war zersplittert in über vierzig pseudostaatliche Territorien mit achtunddreißig Zollschranken, und die vorherrschende Betriebsform war der dörfliche Meisterbetrieb: Um 1846 zählte man fast eine halbe Million kleiner Werkstätten, kaum eine Fabrik dazwischen. Kapital fehlte, Kreditinstitute fehlten, Risikobereitschaft fehlte – und nach 1814 lastete die Konkurrenz billiger englischer Waren obendrauf. Zugleich wuchs die Bevölkerung zwischen 1816 und 1855 von 23,5 auf 34,6 Millionen, um die Hälfte in vierzig Jahren: eine Last, die die schwache Industrie nicht zu tragen vermochte. Die Auswanderung nach Amerika wirkte als Ventil; im Land selbst herrschte scharfe Ausbeutung – Vierundachtzig-Stunden-Wochen, Kinder- und Frauenarbeit, dazu das »Truck-System«, bei dem der Lohn in Waren statt in Geld ausgezahlt wurde, so dass der Arbeiter als Konsument zum Kunden seines eigenen Ausbeuters wurde (vgl. Claessens 1973).

Auf diesem Boden formierten sich die beiden Lager. Die antiegalitäre Haltung, ursprünglich eine des Adels, wanderte mit dem Kapitalismus ins bürgerliche Lager und wuchs dort weit über den alten Adelsanteil hinaus. Die egalitäre Strömung dagegen, getragen vom neu entstehenden Proletariat – das seine egalitäre Tradition aus dem verarmten Bauerntum mitbrachte – und von Halbintellektuellen, wurde zum Sammelbecken der künftigen sozialistischen und kommunistischen Parteien; der 1836 gegründete Bund der Gerechten gehört an diesen Anfang. Dann geschah, was aus dem russischen Fall schon bekannt ist, nur früher und schleichender: Das Proletariat differenzierte sich in ungelernte, angelernte und gelernte Arbeiter, und diese Gliederung zog politische Weichenstellungen nach sich. Facharbeiter und Werkmeister wechselten als »Arbeiteraristokratie« tendenziell ins antiegalitäre Lager, und die neuen Berufsgruppen, Angestellte und Beamte, verstärkten dieselbe Seite.

Wie dieser Wettlauf ausging, lässt sich sogar datieren. Lowell Field und John Higley haben ihn 1980 in einer aufsehenerregenden Studie quantifiziert (deutsch: Field/Higley 1983). Ihr Befund: Die epochale Wende lag um 1895. Von da an konnten die Egalitären in der zunehmend auf managerielles Denken ausgerichteten Industriegesellschaft keine Mehrheit mehr gewinnen. Das heißt im Klartext: Die historische Chance, legal und auf eine Volksmehrheit gestützt eine sozialistische Gesellschaft im Westen zu begründen, war schon damals vertan – Jahrzehnte vor 1917, Jahrzehnte vor Weimar. Hätten die egalitären Kräfte um 1890 gesiegt, sähe die Welt anders aus; doch auch dieses Wenn führt nicht weit, denn der Strukturwandel der Berufswelt arbeitete unaufhaltsam gegen sie. So gesehen ist die Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts weniger eine Geschichte von Klassenkämpfen als eine Geschichte der Konkurrenz zwischen egalitären und antiegalitären Strömungen.

Noch einmal zurück nach Deutschland, denn dort zeigt sich, was politisch folgte. Die frühen deutschen Aufstände mussten als dilettantisch vorbereitete Revolten scheitern: Man überschätzte die Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung und unterschätzte die Macht des Staats- und Militärapparats. Der Kapitalismus, der hier heranwuchs, blieb kapitalistisch in der Sache, aber deutsch im Gemüt; getragen wurde er von den oberen Vertretern der Staatsgewalt, nicht von einem selbstbewussten Bürgertum. Restauration, der zerschlagene Traum von Demokratie und Nationalstaat und die fortdauernde Fürstensehnsucht taten das Übrige – und setzten nebenbei die verhängnisvolle Vorstellung fest, »national« könne mit »demokratisch« nicht zusammengehen.

Man könnte einwenden: eine deutsche Sondergeschichte, längst vorbei. Das Gegenteil trifft zu. In den gescheiterten Aufständen und der wiederkehrenden Fürstensehnsucht steckt eine Lehre von allgemeiner Reichweite – das Misstrauen gegen jede Erlösung von oben. Gegen die Vorstellung, das Heil komme aus dem Apparat der Staatsgewalt, gleichviel ob Fürsten ihn verwalten, eine Mehrheit ihn erobert oder eine Partei ihn besetzt. Und genau an diesem Punkt, beim Glauben an die Allmacht des Staates, berühren sich die beiden großen Strategien der Linken: die Zähmung des Kapitalismus mit Hilfe des Staates – und seine Zerschlagung durch die Eroberung des Staates. Wenn aber, wie eingangs behauptet, beide Wege sich erschöpft haben, der reformerische wie der revolutionäre, dann ist das keine deutsche Verlegenheit mehr, sondern von allgemeiner Natur.

Auf den Begriff gebracht hat diese Erschöpfung Erik Olin Wright, der – in Anlehnung an Gramsci – dazu aufruft, den Kapitalismus zu untergraben. In seiner Studie Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus schreibt er (Wright 2017):

»Die großen strategischen Vorschläge des 20. Jahrhunderts, wie auf die Übel des Kapitalismus zu reagieren sei, sind für die meisten Menschen nicht mehr überzeugend. Die sozialdemokratische Hoffnung auf eine Zähmung des Kapitalismus durch eine über gezielte staatliche Interventionen verlaufende Neutralisierung seiner schädlichen Auswirkungen ist massiv unterlaufen worden – zum einen durch die Globalisierung und Finanzialisierung des Kapitals, zum anderen dadurch, dass sich die sozialdemokratischen Parteien in den letzten 25 Jahren selbst zu ‚milden‘ Varianten des Neoliberalismus bekannt haben [und heute offen auf Kriegskurs übergegangen sind; Anm. U. G.]. Angesichts der tragischen Folgen der Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben zudem revolutionäre Bestrebungen an Glaubwürdigkeit verloren … Sowohl Reform als auch Revolution – die beiden grundlegenden Transformationsmodelle des 20. Jahrhunderts – scheinen ihre Möglichkeiten erschöpft zu haben. Was aber wäre der Ausweg?«

Wright antwortet in zwei Schritten. Zuerst nüchtern: Die großen Veränderungen der Geschichte vollziehen sich meist hinter dem Rücken der Menschen, als Summe unbeabsichtigter Folgen. Wer dagegen von Strategie sprechen wolle, müsse zeigen, wie sich im Hier und Jetzt so handeln lasse, dass die Alternative wahrscheinlicher werde – es genüge eben nicht, die Missstände zu benennen und gute Gründe für eine bessere Ordnung zu haben.

Und dann sein Vorschlag: reale Utopien. Den Kapitalismus weder von oben zähmen noch durch einen revolutionären Bruch zerschlagen, sondern ihn erodieren – indem in den Räumen und Rissen der kapitalistischen Wirtschaft emanzipatorische Alternativen aufgebaut und diese Räume zugleich verteidigt und ausgeweitet werden. Reale Utopien, das sind bei ihm Institutionen und Praktiken, die in der Welt, wie sie ist, funktionieren – und die Welt, wie sie sein könnte, schon vorwegnehmen.

Der Gedanke hat etwas Bestechendes: nicht der große Bruch, nicht die geduldige Zähmung, sondern das Bauen in den Rissen. Aber ein Begriff ist noch keine Praxis. Mittragen müsste sie die organisierte Linke – und über deren Zustand geben zwei Zeugen Auskunft, der eine bitter, der andere fast zuversichtlich.

Der bittere zuerst. Georg Fülberth (2023) nimmt in seinem Aufsatz »Null KP, alles Kapitalismus?« die Wahlergebnisse als groben Indikator: Der Masseneinfluss der kommunistischen Parteien tendiert in den höchstentwickelten Ländern gegen Null – DKP und MLPD lagen bei den letzten Bundestagswahlen jeweils bei 0,0 Prozent. Daran gemessen erscheint der Kapitalismus nahezu unangreifbar. Und doch treibt er unablässig neue Widersprüche aus sich heraus, die Menschen nach einer anderen Gesellschaft suchen lassen – nennen wir es die Such- und Findbewegung der Gegenwart; sie existiert, sie lässt sich beobachten. Fülberths Befund lautet: Die kommunistischen Parteien sind außerstande, sich mit ihr zu verbinden oder für sie auch nur erkennbar zu sein. Warum nicht? Weil eine sehr kleine Gruppe sich, wie Fülberth spottet, in den Brusthaaren einer irgendwo regierenden Partei, etwa in China, festklammert und meint, sie habe teil an deren Macht. Weil sie sich mit großem Strategiegetue aufbläht, während ihre Kräfte winzig sind. Und weil sie sich nicht ändern will.

Der zuversichtlichere Zeuge ist der schon erwähnte Rainer Land. Er denkt über Formen eines Teilhabekapitalismus nach – über die schrittweise Veränderung der Verfügungsrechte statt über den einen großen Bruch. Beide Zeugen zusammengenommen ergeben dieselbe Lehre: Die erschöpften Strategien lassen sich nicht durch eine noch reinere Variante ihrer selbst ersetzen; es braucht etwas anderes. Und wovon dieses andere sich nähren kann, das sucht man am besten bei denen, die es lange vor uns erprobt haben.

IV. Zur Geschichte und Aktualität deutscher Linkssozialisten

Gemeint sind die Linkssozialisten, also Freie Linke avant la lettre – Leute, die weder auf die Eroberung des Staates setzten noch auf seine parlamentarische Zähmung. Eben darum waren sie beiden Lagern unbequem, und eben darum lohnt der Blick auf sie (grundlegend Klönne 2009/2010).

Eine Klarstellung vorweg: Einen »Linkssozialismus« als geschlossenes Modell hat es nie gegeben. Was es gab und gibt, sind Linkssozialisten – organisatorisch alles andere als einheitlich, verstreut über Gruppen, Zeitschriften und Netzwerke, mit einzelnen Vertretern bis hinein in SPD und kommunistische Parteien. Wer hier etwas lernen will, muss auf die Akteure sehen, nicht auf eine Doktrin.

Vier Namen aus der Frühgeschichte der Bundesrepublik, nur beispielhaft. Wolfgang Abendroth, der »Partisanenprofessor«, 1961 aus der SPD ausgeschlossen, weil er den studentischen SDS nicht fallen ließ: Lehrer der außerparlamentarischen Linken und zugleich, ganz Staatsrechtler, beharrlich auf Grundgesetz und Volkssouveränität pochend. Viktor Agartz, der die expansive Lohnpolitik entwarf und ausgerechnet von der Gewerkschaftsführung fallen gelassen wurde; sein Hochverratsprozess endete mit Freispruch – eine Biographie wie ein Lehrstück scheinbarer Vergeblichkeit. Peter von Oertzen, der in der SPD blieb, über Rätedemokratie nachdachte und Minister wurde. Und der Philosoph Leo Kofler, der Stalinismus und Spätkapitalismus in einem Atemzug kritisierte; ihm wird noch zweimal zu begegnen sein. Dazu Arno Klönne, Fritz Lamm, Klaus Vack, Helmut Schauer, Elmar Altvater und andere. Man sieht: kein Lager, sondern ein Spektrum voller Spannungen. In dieselbe Richtung ließen sich heute etwa Patrik Baab, Hermann Ploppa, Werner Rügemer oder Michael Meyen einordnen – unter freilich stark veränderten Konstellationen.

Fragt man, was diese so verschiedenen Leute verband, so genügt die Feststellung nicht, sie seien eben alle »irgendwie marxistisch« gewesen. Was sie verband, war zunächst ein Ungehorsam – die Weigerung, sich den parteiamtlichen Denkmustern zu unterwerfen, die die Apparate nach 1945 auferlegten. Aus diesem Widerspruchssinn erwuchsen drei Überzeugungen, alle drei bis heute unmittelbar brauchbar.

Die erste: Sozialistische Politik versackt ins Opportunistische oder ins Illusionäre, wenn sie nicht von einer stetigen, empirisch geerdeten Analyse des Klassenkonflikts begleitet wird. Und solche Analyse braucht freien Diskurs – gegen das Programmgeschreibsel der einen wie gegen die Zitatscholastik der anderen, in der Marx- und Lenin-Stellen zur innerparteilichen Kommandowirtschaft verschlissen wurden. Wer je erlebt hat, wie in einer Sitzung ein Marx-Zitat als Totschlagargument fiel, weiß, wovon die Rede ist.

Die zweite: Der sozialdemokratische Glaube, per Kabinettsbeschluss zu regieren, und der parteikommunistische Glaube, per Dekret umzuwälzen, sitzen demselben Irrtum auf – dem Glauben an die Machtvollkommenheit des Staates. Beide geben die Volkssouveränität als permanenten Prozess preis. Daraus folgt eine Frage, die uns bis heute begleitet: Was kann Demokratie eigentlich sein in einem Denken, das über den Kapitalismus hinauszielt?

Die dritte: Parlamente sind Gesellschaften mit beschränkter Wirkung, und eine Partei ist keine Wunderwaffe. Deshalb setzten die Linkssozialisten auf soziale Bewegung, außerparlamentarische Aktion, kollektiven Protest und Streik – und zwar ohne Instrumentalisierung durch Parteivorstände. In dieser Abneigung gegen den politischen Kasernenhof steckte etwas Antipreußisches; wer mag, erkennt darin Rosa Luxemburg wieder. Und noch etwas leisteten sie, fast nebenbei: In der intellektuellen Verwüstung nach dem Faschismus bewahrten sie den ideellen Bestand der Arbeiterbewegung von vor 1933 vor dem Vergessen.

So weit die Verdienste – doch das Bild wäre geschönt ohne die Kehrseite. Neben dem Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen stand bei manchem eine Vorliebe für skurrile Konspiration. Einige, die den Dogmatismus der Parteien bekämpften, dogmatisierten ihre eigenen Vorstellungen – die Krankheit, die man bekämpft, steckt eben leicht an. Und weil die Großapparate kaum zu erschüttern waren, verbrauchte sich viel Energie im Kleinkrieg der Minderheiten untereinander.

Was also hat das Ganze gebracht? Zwei Hoffnungen sind gescheitert: SPD und Parteikommunismus ließen sich durch Kritik von innen nicht bewegen, und eine eigene linke Partei kam nie zustande. Hätte Abendroth 1961 in der SPD bleiben können, wäre alles anders gekommen? Vermutlich nicht; Apparate, die auf Disziplin gebaut sind, halten für solche Leute keine Stellen frei. Daneben aber steht ein begrenzter und darum umso bemerkenswerterer Erfolg. Linkssozialisten trugen wesentlich dazu bei, dass ab 1961 die Ostermarschbewegung entstand – die erste beständige außerparlamentarische Bewegung, unabhängig von der Kontrolle der SPD wie von der Regie der KPD/SED. Sie halfen, die Bewegung gegen die Notstandsgesetze in Gang zu bringen. Und mit dem Offenbacher Sozialistischen Büro schufen sie ein Netzwerk antikapitalistischer Arbeit in den Berufsfeldern, bewusst abgesetzt von Revolutionsphantastereien. Dort wurde linke Politik als Lernprozess verstanden und nicht als Verselbständigung von Organisationsinteressen – darin liegt das Schlüsselmoment, auf das es hier ankommt.

Seither freilich haben sich die Bedingungen von Grund auf geändert. Der sozialdemokratische Entwurf zur Zähmung des Kapitalismus ist vor der Geschichte blamiert, der parteikommunistische Versuch der Systemkonkurrenz auf schlimme Weise gescheitert – und die Tragweite dieser doppelten Niederlage ist in der Linken bis heute nicht angekommen. Gerade deshalb bleibt die Tradition aktuell. Denn »links« wird zur leeren Hülse, wenn es sich nicht mit der Kritik an der Demontage der Demokratie verbindet – und mit der Anstrengung, Volkssouveränität überhaupt erst zu entwickeln. Von oben ist nichts zu erhoffen, selbst dann nicht, wenn es eines Tages von rosa-roten Ministern wimmeln sollte.

V. Radikale Transparenz, Demokratie und Subsidiarität

Wenn von oben nichts zu erhoffen ist und die Linkssozialisten raten, auf Bewegung von unten zu setzen – dann muss auch gesagt werden können, wie eine solche Selbstregierung von unten aussieht. Sonst bleibt der schöne Satz eine Geste. Dazu drei Bauprinzipien.

Das erste: radikale Transparenz. Heute kann jeder Informationen veröffentlichen, ohne an den Türstehern der Medienredaktionen vorbei zu müssen, wenngleich unter wachsender Zensurpraxis. In seiner Tragweite ist das nur mit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen – und der hat einst die Reformation möglich gemacht; auch damals hat niemand die Folgen vorausgesehen, am wenigsten die Kirche, die die Druckerpressen anfangs selbst nutzte. Der Buchdruck erlaubte den Menschen erstmals, die Bibel selbst zu studieren und den kodifizierten Wahrheiten der Kirche gegen deren erbitterten Widerstand den Boden zu entziehen – eine Volksbildung, ehe es das Wort gab. Ähnlich erlauben es Digitalisierung und vernetzte Technik heute, Abstimmungen, Entscheidungen und Ressourcenflüsse für alle nachvollziehbar zu machen.

Woran erkennt man, dass es hier um ein Grundprinzip geht und nicht um eine Fußnote? An der Härte der Gegenwehr. Julian Assange, um einen international prominenten Fall herauszugreifen, wurde und wird nicht in erster Linie wegen der »freien Presse« verfolgt – die ist längst in den Händen der Milliardärsklasse der großen IT-Konzerne. Verfolgt wird er, weil er die Transparenz in die Praxis umsetzte und ein Zeitalter jenseits diplomatischer und kommerzieller Geheimhaltung einläutete. Der gegenwärtige Trend weist freilich in die Gegenrichtung, und zwar systematisch. Andrea Komlosy (2022) hat vier Bereiche ausgemacht, in denen die Informationstechnologie heute im Dienst der Kapitalverwertung auf den Menschen zugreift: die Arbeitsprozesse mit Automatisierung, Robotisierung und digitalem Nomadentum; die möglichst lückenlose Verdatung; den Zugriff auf den Körper durch Gesundheitspropaganda und Big Data für Big Pharma; und die Bewegungskontrolle durch Gesundheitspässe, Apps und Zugangskontrollen. Dieselbe Technik also, zwei entgegengesetzte Richtungen – die Alternative ist so einfach wie hart: die Freiheit zurückgewinnen oder in die digitale Sklaverei geführt werden. Der Ausgang ist offen. Aber das Werkzeug liegt bereit.

Das zweite Prinzip ist eine radikalere Demokratie: nicht alle vier Jahre ein Kreuz, sondern themenweise und nachvollziehbar mitentscheiden. Wer die Sache kennt, soll über sie befinden können, und zwar dann, wenn sie ansteht – nicht stellvertretend auf Jahre im Voraus. Das klingt nach viel Aufwand, ist technisch aber längst kein Problem mehr; das Hindernis liegt nicht im Verfahren, sondern bei denen, die von der Stellvertretung leben.

Und das dritte ist die Subsidiarität – ein alter Grundsatz aus der katholischen Soziallehre, aber keineswegs konfessionell gebunden. Er besagt: Jede Aufgabe wird so weit unten gelöst, wie sie sich lösen lässt; nach oben gereicht wird nur, was unten wirklich nicht zu schaffen ist. Warum das so wichtig ist? Weil Subsidiarität das Gegengift gegen den Glauben an die Machtvollkommenheit des Staates ist: Sie verlagert die Entscheidung dorthin, wo die Betroffenen sitzen – und wo, nebenbei, auch die Ortskenntnis sitzt, an der jeder zentrale Plan scheitert. Man erinnere sich an den fehlenden Schraubentyp.

Dass diese drei Prinzipien – weitere ließen sich nennen – keine Schreibtischträume bleiben müssen, zeigt ein Vorhaben, an dem der Verfasser beteiligt ist: das Projekt NEXUS.4 Gemeint ist eine gemeinsame technische Grundlage für Gemeinschaften vor Ort, die keinem Konzern gehört, sondern denen, die sie betreiben, und die sich weder zensieren noch von außen umschreiben lässt. Sie enthält, was eine Gemeinschaft zur Selbstverwaltung braucht: Verfahren der Abstimmung, in denen die eigene Stimme übertragbar bleibt, und ein Rechenwerk für den Tausch untereinander. Die Daten bleiben, wo sie entstehen, in einem Netz vieler örtlicher Zellen. Der Grundgedanke dahinter trägt auch die folgenden Abschnitte: nicht das alte System bekämpfen, sondern daneben ein besseres bauen, bis das alte durch Irrelevanz verblasst.

VI. Wer ist das Subjekt der Veränderung?

Ein Werkzeug ist nur so gut wie die Hände, die danach greifen. Wer also soll das alles bauen und tragen?

Die orthodoxe Antwort – das Industrieproletariat – trägt nicht mehr. Fragt man, warum, so genügt der Hinweis auf Deindustrialisierung nicht; man muss auf die veränderte Sozialstruktur sehen. Grob gezeichnet – sehr schematisch – zerfällt die heutige Gesellschaft in drei Schichten. An der Spitze steht eine schmale Oligarchie der Vermögensmilliardäre. Darunter arbeitet eine gut bezahlte, überwiegend städtische Schicht von Fachleuten, Medien- und Verwaltungsleuten – man mag sie die Kader nennen –, die im Dienst dieser Oligarchie steht und sie gegen die Bevölkerung abschirmt. Und darunter lebt die breite, in Teilen abgehängte Mittel- und Arbeiterschicht samt den Ausgegrenzten.

Die Arbeiterklasse im überlieferten Sinne ist in Deutschland nicht verschwunden, aber sie ist heute erheblich kleiner und zugleich weit stärker aufgespalten als früher. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung5 schätzt, dass etwa 16 von rund 46 Millionen Erwerbstätigen der Arbeiterschaft zuzurechnen sind – also ungefähr ein Drittel (zur Erwerbstätigkeit vgl. Statistisches Bundesamt 2025). Und die Zersplitterung zeigt sich in sehr unterschiedlichen Lebenslagen: Industriearbeiter, Paketboten, Kellner, Fahrradkuriere, Pflegekräfte und andere Dienstleistungsbeschäftigte teilen zwar die Abhängigkeit vom Lohn, aber kaum noch denselben Arbeitsalltag, dieselben Organisationsformen oder dieselben politischen Erfahrungen. Dazu kommen schwache soziale Sicherheiten – weniger als die Hälfte der Beschäftigten im Dienstleistungssektor kann am Monatsende überhaupt etwas zurücklegen –, und die gewerkschaftliche Bindung liegt unter Arbeitern bei mageren 18 Prozent. Wer heute von der Arbeiterklasse spricht, muss also weniger an ein einheitliches Industrieproletariat denken als an ein großes, aber innerlich zerlegtes Milieu der Lohnabhängigen.

Das eigentlich Interessante aber ist die mittlere Schicht, denn sie ist nicht festgelegt. In den 1970er Jahren wurden diese Fachleute unter dem Druck einer starken Arbeiterbewegung noch nach links gedrückt; erst die neoliberale Gegenoffensive seit den 1990er Jahren hat ihnen die privilegierte Stellung verschafft, die sie heute genießen. Die offene Frage lautet also: Bleiben sie loyal gegenüber der Ordnung, die sie gut bezahlt – oder wechseln sie unter dem Druck der Krisen die Seiten? Wer sich an den sowjetischen Eliten-Stau erinnert, weiß, dass solche Loyalitäten rascher kippen können, als es von außen aussieht: Auch dort galt die Nomenklatura als unerschütterlich – bis sie es nicht mehr war.

Den linken Rand dieser Schicht – die linke Intelligenz – hat Leo Kofler schon vor vierzig Jahren beschrieben. Es gebe sie noch, notierte er, aber zumeist als Einzelpersonen und Freundeskreise; organisiert sei sie nicht, und bedroht sei sie obendrein durch ihren eigenen Utopismus – sie flüchte in utopische Weltsichten und werde darum permanent enttäuscht. Die Intelligenz schwankt. Vierzig Jahre alt, diese Sätze, und kein Wort müsste heute anders lauten. Nur eine Folgerung ist anders zu ziehen als bei Kofler: Die Heimat, die dieser Schicht fehlt, muss keine Partei sein. Es kann das funktionierende Projekt sein, das Werkzeug, die Gemeinschaft, eine Zeitschrift – die reale Utopie statt der utopischen Weltsicht. Denn gegen die permanente Enttäuschung hilft nicht die bessere Doktrin. Es hilft das Gelingen im Kleinen.

Damit ein solches Gelingen überhaupt Kreise ziehen kann, muss allerdings eine Bedingung erfüllt sein – und die hat sich fast unbemerkt verändert. Marx bemerkte einmal, eine Klasse könne die ganze Gesellschaft nur dann befreien, wenn ihre Umstände dieselben seien wie die der Gesamtgesellschaft.6 Genau diese Lage hat es seit der Industriellen Revolution nie gegeben: Die einen lebten in den bevorzugten Vierteln der Stadt, die anderen arbeiteten in den Minen und Bergwerken und hausten in primitiven Unterkünften. In England, dem Land mit der damals größten Arbeiterklasse, zählten auf dem Höhepunkt der Industrialisierung Ende der 1890er Jahre die bürgerlichen Freimaurerlogen mehr Mitglieder als die Organisationen der Arbeiterschaft – die bürgerliche Welt fühlte sich gar nicht als Teil derselben Gesellschaft und hatte mit der Masse der Arbeiter schlicht keinen Kontakt. Heute ist das anders, und zwar von Grund auf. Man könnte, mit Georg Lukács, von einer Klasse des Bewusstseins7 sprechen: Im Grunde lebt jeder Mensch mit seinem Telefon im selben Informationsuniversum wie der reichste Machthaber – bei aller obszönen Ungleichheit in Lebenschancen und Macht. Guy Debord, der Philosoph des Pariser Mai, hat daraus die Bedingung abgeleitet: Überlegen können die fortschrittlichen Kräfte nur sein, wenn sie über den Horizont des Kapitalismus hinausblicken und als eine solche Klasse des Bewusstseins handeln.8 Man denke noch einmal an die sowjetische Generationengeschichte: Schon Nachschlagewerke, Rundfunk und Fernsehen genügten, um binnen zweier Generationen eine wissbegierige Schicht heranwachsen zu lassen, an der das System zerbrach. Was richtet dann erst das Netz an? Das ist der Stoff, aus dem sich etwas radikal entladen kann – und deshalb wird er so rigoros bekämpft, etwa mit dem Digital Services Act.

Daraus folgt: Das Subjekt der Veränderung ist keine im Voraus bekannte Klasse. Es entsteht – an den Rändern der Kaderschicht und an der Basis zugleich –, und zwar dort, wo Menschen anfangen, etwas zu bauen. Die Journalistin, der Lehrer, die Ärztin, der Programmierer sind nicht durch Appelle zu gewinnen. Sie sind über ihre Interessenlage zu gewinnen – und über ein funktionierendes Werkzeug, das man ihnen in die Hand gibt.

Und das beginnt nicht erst im Großen; der Umbau von ganz unten setzt am eigenen Körper an – wörtlich. Es wäre die erste Revolution der Geschichte, in deren Mittelpunkt, in der Folge des Corona-Regimes, die Sorge um die körperliche Gesundheit stünde: die Frage, was wir essen; die Weigerung, sich einem Gesundheitswesen auszuliefern, das Kliniken als Renditeobjekte betreibt; das Misstrauen gegen eine Lebensmittelindustrie, die den Körper als Ablagerungsort minderwertiger Nahrung missbraucht. Ein Gang durch die Einkaufsstraßen einer mittleren Stadt genügt, um zu sehen, dass das längst keine Angelegenheit einer begüterten Minderheit mehr ist. Dahinter steht ein Rechtsgrundsatz, älter als alle Verfassungen: habeas corpus – dein Körper gehört dir.

Verbündete finden sich dabei, wo man sie nicht der Revolution zurechnen würde: die Landwirte etwa, die von Banken und Futtermittelkonzernen in eine Produktionsweise gedrängt werden, die auf Schnelligkeit und niedrige Kosten getrimmt ist, und denen die Supermarktketten den Liter Milch unter den Preis von Wasser gedrückt haben. Wer Bauernmärkte und Verbrauchergenossenschaften stärkt, führt keinen Ernährungsdiskurs – er verschiebt Verfügungsgewalt. Michel Foucault (1976) hat für diesen Blick von unten den Begriff der Mikrophysik der Macht geprägt. Darin steckt zugleich ein anderes Verhältnis zur Zeit: Beim Umsturz geht es um alles oder nichts; dieser Umbau dagegen kann sich zurückziehen und auf bessere Zeiten warten, denn jeder Schritt ist schon in sich ein Fortschritt. An anderer Stelle sind dazu rund hundert Beispiele dargelegt (Gausmann/Schmuck 2026); tatsächlich gibt es viele Hundert allein in Deutschland.

Die Rolle der Bewegung

Wenn eine Freie Linke heute vom Subjekt der Veränderung spricht, meint sie also nicht die Partei als Befehlskern, sondern eine soziale Bewegung von unten. Veränderung entsteht nicht nur durch Programme, sondern durch Milieus, Netzwerke, Initiativen, Betriebe, Kommunen und öffentliche Auseinandersetzungen. Die neuen sozialen Bewegungen haben es vorgeführt – politische Erneuerung kam oft von unten, aus Umweltkämpfen, Arbeitskämpfen, feministischen Kämpfen, kommunalen Initiativen, Bildungsprotesten, solidarischen Projekten. Eine Freie Linke sollte das ernst nehmen, ohne es zu romantisieren, und beständig fragen: Wie werden aus Protesten dauerhafte Strukturen? Wie wird aus Kritik kollektive Macht?

Dass politische Organisationen dabei durchaus wachsen können, zeigt die jüngste Entwicklung der Linkspartei: Sie kam zum 31. Dezember 2025 auf 123.126 Mitglieder, nach 58.523 ein Jahr zuvor – ein Zuwachs von 110,4 Prozent (Deutschlandfunk 2026). Mitgliederzahlen allein machen freilich noch keine linke Politik; dass die Parlamentsparteien inzwischen zu Allerweltsparteien mit mehr als problematischen Zügen geworden sind, steht auf einem anderen Blatt.

Womit sich der Kreis zu den drei Bauprinzipien schließt. Wer Veränderung will, muss Macht sichtbar machen – das ist radikale Transparenz. Wer Macht sichtbar macht, will sie begrenzen, verteilen, kontrollierbar machen – das ist radikalere Demokratie. Und wer Macht kontrollieren will, braucht die Stärkung der niedrigsten sinnvollen Entscheidungsebene – das ist Subsidiarität. Kein Verwaltungsdetail, sondern eine politische Kultur.

Ein Milieu, das niemand haben wollte

Wo aber sitzt Fülberths Such- und Findbewegung heute konkret? Ein großer Teil von ihr sitzt in dem Milieu, das aus dem Protest gegen das Corona-Programm hervorging. Man sehe nüchtern hin, was dort in wenigen Jahren aufgebaut wurde: eigene Medien, die längst Reichweiten haben, von denen linke Zeitschriften nur träumen können; Gesundheitsnetzwerke und Praxisgemeinschaften; Schulgründungen und freie Bildungsinitiativen; regionale Versorgungsstrukturen, Einkaufsgemeinschaften, Höfekooperationen und vieles mehr. Das sind reale Utopien im Wrightschen Sinn: Institutionen, die in der Welt, wie sie ist, funktionieren und über sie hinausweisen. Dieses Milieu praktiziert die Erosionsstrategie, ohne sie so zu nennen. Und die Anknüpfungspunkte für linke Konzepte liegen offen zutage: die Sorge um den eigenen Körper – habeas corpus, von dem eben die Rede war –, die Verteidigung der Grundrechte, der bedrängte Mittelstand, die Rückbesinnung auf Orte und Regionen, das Bedürfnis nach tragfähigen Gemeinschaften.

Fragt man, warum ausgerechnet rechte Akteure in diesem Milieu ihre Deutungen erfolgreicher unterbrachten als linke, so genügt die Feststellung nicht, das Milieu sei eben anfällig. Die Erklärung ist einfacher und unbequemer: Die Rechte war da, als die Linke die Leute zu Feinden erklärte. Wer als besorgter Bürger, als Handwerker, als impfkritischer Arzt von links nur das Etikett »rechtsoffen« zu hören bekam, dem musste die Seite, die zuhörte, zwangsläufig näher erscheinen – gleichgültig, was sie sonst im Angebot hatte. Das ist die soziologische Logik.

Und doch reicht die Soziologie allein nicht hin; hinter dem Vorgang steht eine Geschichte, und wer sie kennt, erkennt das Angebot sofort wieder. Es lautet, damals wie heute: Vergiss links und rechts, das sind Schubladen der Herrschenden, wir sind doch alle eine Menschheitsfamilie gegen die da oben. Dieses Angebot hat einen Namen – Querfront – und ein Datum. Im Oktober 1931 schrieb der jungkonservative Publizist Hans Zehrer in seiner vielgelesenen Zeitschrift Die Tat einen Aufsatz unter dem Titel »Rechts oder Links?« (Zehrer 1931). Seine These: Der konservative und der neue linke Mensch gehörten im Grunde zusammen, man müsse sie nur über rechts und links hinweg zu einer neuen Volksgemeinschaft zusammenführen. Zehrers eigentliches Ziel war nicht die NSDAP; es war die Beseitigung der letzten Reste liberaler Demokratie. Er hat die Republik überlebt, die er mitzerstören half – nach 1945 wurde er Chefredakteur der Welt.

Was aus dem warmen Gefühl der großen Gemeinsamkeit wird, hat das Jahr darauf vorgeführt. Im November 1932 verteilten in Berlin Kommunisten und SA-Männer beim Verkehrsstreik gemeinsam die Flugblätter; die KPD-Führung feierte die »revolutionäre Einheit gegen das System«. Drei Monate später saßen dieselben Kommunisten in den Lagern – errichtet von denselben Männern. Was diese Leute verband, war weder Dummheit noch böser Wille. Es war echte Gesellschaftskritik, aber ohne Strukturanalyse: Sie sahen die Schwäche der Demokratie, die Macht des Kapitals, den Verrat der etablierten Linken – und scheuten die eine Frage, die wehtut, die Frage, wem die Fabriken gehören. An ihre Stelle setzten sie Mythos, Gemeinschaft, Nation, Volk: Wörter, mit allem und nichts zu füllen. Das ist das Muster der Querfront zu allen Zeiten – man befragt das Gesicht des Systems, nie seine Spielregeln (vgl. Schüddekopf 1960; Dupeux 1985; Pittwald 2002). Und es kehrt wieder: Als im Dezember 2024 in Prag ein »Alternatives WEF« die »Überwindung der Spaltung in links und rechts« feierte, jubelte Jürgen Elsässer, einst im Kommunistischen Bund, über die endlich gelingende Querfront – Zehrers Weg, ein Jahrhundert später.

Damit ist gesagt, wo die Scheidelinie verläuft: zwischen denen, die fragen, wem was gehört und nach welchen Regeln, und denen, die diese Frage durch den Feind ersetzen – die Globalisten, die Eliten, das Gesumme der Menschheitsfamilie. Zehrer hatte auf diese Frage keine Antwort, Elsässer hat keine. Mit ihnen lässt sich keine gemeinsame Front bilden – so wenig wie 1932 mit den SA-Männern am Streikposten. Nicht jedes Projekt freilich, das sich quer zu links und rechts stellt, weicht der Frage aus: Das Bündnis Sahra Wagenknecht etwa will mit der »Gesellschaft mit gebundenem Vermögen« eine Rechtsform schaffen, in der das Kapital sich niemand mehr aneignen und den Betrieb niemand mehr verkaufen kann. Das Grundgesetz kennt die Frage im Übrigen genau: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen« – Artikel 14, seit 1949 in Kraft und bis heute auf seine ernsthafte Anwendung wartend.

Was also ist dem rechten Angebot entgegenzusetzen? Es hat eine erkennbare Struktur: Es bietet Personen an, wo Strukturen das Problem sind. Dem Handwerker, dem der Fonds im Nacken sitzt, erklärt es, wer schuld sei – statt ihm zu zeigen, wie er seinen Betrieb rettet. Es personalisiert, was die Eigentumsfrage strukturell erklärt; es hält das Milieu in der Empörung fest, wo es Aufbau braucht. Und genau darin liegt die linke Chance, denn Empörung nutzt sich ab – Strukturen tragen. Das Gegenangebot ist alles, wovon hier die Rede war: die Eigentumsfrage statt der Schuldigenfrage, das funktionierende Projekt statt der Parole, die Genossenschaft, die den Betrieb tatsächlich sichert, die Gemeinschaft, die tatsächlich hält. Wer dem Milieu zeigt, wie aus Protest Verfügungsgewalt wird, bringt es nach vorn – und stellt zugleich, ohne ein einziges Bekenntnis zu verlangen, die Weiche nach links.

VII. Nicht »gegen das System«, sondern in seinen Rissen und Räumen

Wenn das Subjekt dort entsteht, wo Menschen zu bauen beginnen – wo und wie wird dann gebaut?

Die Linke ist es gewohnt, »gegen das System« zu sein – frontal, im großen Widerspruch. Wright schlägt einen dritten Weg vor: das System weder zerschlagen noch bloß zähmen, sondern untergraben. Wie? Indem in seinen Rissen und Räumen – in den Lücken, die jede Ordnung lässt – emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden. Wright nennt das die Erosion des Kapitalismus, und die Alternativen nennt er reale Utopien: real, weil sie existieren und funktionieren; Utopien, weil sie über das Bestehende hinausweisen.

Der Einwand kommt verlässlich, meist aus den eigenen Reihen: Klingt das nicht nach Rückzug, nach bürgerlicher Mangelverwaltung, nach gemütlichem Einrichten in der Nische, während draußen das Kapital weiterregiert? Der Einwand trifft nicht – vorausgesetzt, man hält an der Eigentumsfrage fest. Man betrachte die Beispiele: eine Genossenschaft, die einem Finanzinvestor ein Unternehmen entzieht; eine Arztpraxis, die in eine Stiftung überführt wird, statt zum Renditeobjekt zu werden; ein regionales Energienetz in gemeinschaftlicher Hand. Das ist kein Rückzug, das ist die strukturelle Unterwanderung der Eigentumsordnung durch funktionierende Alternativen. In den Rissen zu bauen heißt eben nicht, den Konflikt zu meiden – es heißt, ihn dorthin zu verlegen, wo er heute zu gewinnen ist. Die frühen Aufständischen taten das Gegenteil: Sie suchten den Konflikt dort, wo der Apparat am stärksten war. Das Ergebnis ist bekannt.

Hier taucht, in neuem Gewand, ein klassischer Begriff wieder auf: die Doppelmacht. Historisch bezeichnet er die Monate zwischen Februar- und Oktoberrevolution 1917, als in Petrograd der Sowjet neben der Provisorischen Regierung stand – zwei Autoritäten im selben Land, und die Menschen begannen zu wählen, auf welche sie hören wollten. Antonio Gramsci hat diese Autoritätskrise das Interregnum genannt: Die herrschende Klasse hat den Konsens verloren, sie ist nicht mehr führend, sondern nur noch herrschend – »die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann« (Gramsci, Gefängnishefte).

Klingt das nach einer fernen Epoche? Dann denke man noch einmal an Papier und seine Rüge des höchsten Gerichts: Wenn ein früherer Präsident des Bundesverfassungsgerichts dem Staat öffentlich die rechtsstaatliche Legitimation seiner Maßnahmen bestreitet, ist das ein Symptom eben dieser Autoritätskrise – die Delegitimierung läuft, und sie läuft von innen. Der Unterschied zu 1917 liegt jedoch anderswo: Eine Doppelmacht, die in den Rissen entsteht, baut keinen zweiten Staatsapparat neben dem alten auf – keine Vervielfältigung der Behörden, keine Kommandowirtschaft im Wartestand. Ihre Autorität wächst dort, wo die Alternativen funktionieren, während die alte Ordnung sich selbst delegitimiert; die Revolution ist hier, anders als je zuvor, eine Angelegenheit jedes Einzelnen. Nüchtern hinzuzufügen ist: Sobald die strukturellen Wirkungen in den Machtbereich von Staat und Konzernen eingreifen – bei den medizinischen Einrichtungen etwa oder der Lebensmittelverteilung –, kann das konterrevolutionäre Gegenwehr auslösen. Auch dann aber gilt, was schon festgehalten wurde: Dieser Umbau kann sich zurückziehen und auf bessere Zeiten warten.

Und noch etwas wird dabei gewonnen: Das Handeln verliert seinen lähmenden Alles-oder-nichts-Charakter. Wer in den Rissen baut, muss nicht auf die reife Stunde warten, nicht erst Mehrheiten oder Macht erringen. Er fängt einfach an. Darin liegt zugleich die Antwort auf Fülberths Frage, ob wir im Übergang zum Sozialismus seien und wie lange er dauere: Wir wissen es nicht. Und wir müssen es nicht wissen, um den nächsten Schritt zu tun.

VIII. Experimentieren mit Eigentumsformen

In den Rissen zu bauen heißt vor allem: an den Eigentumsformen arbeiten. Man denke noch einmal an den Befund vom Ende der Sowjetunion – das Leben zog sich aus der erstarrten Mitte in die Regionen zurück. Was dort ein Symptom des Zerfalls war, lässt sich umkehren und als Bauprinzip nutzen. Und wenn der reale Sozialismus an seiner Experimentierfeindlichkeit gescheitert ist, dann ist das Experimentieren mit Eigentumsformen nicht Beiwerk, sondern der Kern der Sache. Dabei steht eine ganze Familie von Rechtsformen zur Verfügung, die sich bewusst nicht zwischen Staat und Markt entscheiden: die gemeinnützige Stiftung, die ein Vermögen schafft, das gewissermaßen sich selbst gehört und dauerhaft dem Gemeinwohl verpflichtet bleibt; der eingetragene wie der nicht eingetragene Verein, in dem Bürger spontan und niedrigschwellig handeln; die Genossenschaft als demokratische, solidarisch finanzierte Form.

Dass daraus mehr wird als eine Aufzählung von Paragraphen, kann man besichtigen. In Sieben Linden in der Altmark, in der Alten Feuerwache in Weimar, im Dorf Hitzacker, im Lebensgarten Steyerberg wird Eigentum dem Spekulationsmarkt dauerhaft entzogen – über das Mietshäuser-Syndikat, über Stiftungen, über das Erbbaurecht von Bodenstiftungen wie der Stiftung trias, die Grundstücke unverkäuflich hält und nur Nutzungsrechte vergibt. In Steyerberg hat ein Eigentümer rund zwei Drittel der Häuser in eine Stiftung übertragen – damit sie nie wieder auf den freien Markt gelangen. Gemeinschaftliches Wohnen ist eben mehr als eine Wohnform; es ist der Ausdruck eines anderen Eigentumsverständnisses.

Und das sind keine Einzelfälle. Nach Schätzungen bestehen vier- bis fünftausend solcher örtlichen und regionalen Gruppen – allein in Deutschland. Einige Zahlen zur Größenordnung: Das Mietshäuser-Syndikat umfasst inzwischen über zweihundert Hausprojekte, dazu rund zwanzig Initiativen im Aufbau. Der Genossenschaftsverband zählt annähernd tausend Energiegenossenschaften mit etwa 220.000 Mitgliedern, die zusammen 3,6 Milliarden Euro investiert haben; über zweihundert Bioenergiedörfer versorgen sich überwiegend selbst mit Strom und Wärme und entwickeln sich derzeit zu Energiewendedörfern weiter. Die Genossenschaftsgründungen steigen seit Jahren, und ihr Schwerpunkt liegt bei Energie, Wärme und dörflicher Infrastruktur. Und die solidarische Landwirtschaft ist von dreißig Betrieben im Jahr 2013 auf gut fünfhundert gewachsen, hundert weitere in Gründung – eine Verzehnfachung in zehn Jahren.

Ein Gegenbeispiel gehört daneben, und es ist lehrreich. Für die Gesundheitshäuser, die sogenannten Gesundheitskioske, waren vom Bundesgesundheitsministerium tausend geplant; tatsächlich gibt es einige Dutzend, weil das Gesetz nie zustande kam. Was von oben verordnet wird, bleibt im Verfahren stecken. Was von unten wächst, ist längst da.

Was diese Einzelstücke ordnet, ist das vom Verfasser entwickelte Drei-Säulen-Modell der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaft (Gausmann/Schmuck 2026). Die erste Säule schützt das private Unternehmenseigentum, den Betriebskern: Geschäftsführung, unternehmerisches Schaffen und das Auskommen des Unternehmers bleiben in privater Hand. Das ist kein Zugeständnis, das ist Absicht – man hat gesehen, wohin es führt, wenn eine Ordnung den bäuerlichen oder unternehmerischen Eigensinn gegen sich aufbringt. Die zweite Säule ist das gemeinschaftliche Infrastruktureigentum: Maschinen, Werkstätten, Energie, vor allem Grund und Boden – gehalten von regionalen Genossenschaften und Bodenstiftungen, nach dem Grundsatz »ein Unternehmen, eine Stimme«, nicht nach Kapitalanteil. Die dritte Säule ist der Übergangsbereich, in dem beides verbunden wird: mit Instrumenten wie der pauschaldotierten Unterstützungskasse, die das Unternehmen gewissermaßen zur eigenen Bank macht, auch für die Mitarbeiter, mit Verbrauchergenossenschaften und Regionalwährungen.

Der eigentliche Witz an der Sache: Nichts davon ist rechtliches Neuland. Genossenschaftsgesetz, Stiftungsrecht, Erbbaurecht, Betriebsrentengesetz – alles seit Jahrzehnten bewährt, nur eben neu angewandt auf die regionale Wirtschaft. Damit lässt sich die Frage beantworten, die im Mittelstand stärker wirkt als jede Parole – die wirksamste linke Frage überhaupt: Was wäre, wenn das Unternehmen, das jemand aufgebaut hat, nicht an einen Finanzinvestor verkauft werden müsste, sondern an eine Genossenschaft der Belegschaft, an eine Stiftung, an einen regionalen Verbund überginge? Was wäre, wenn der Mehrwert, den die Arbeit schafft – was übrig bleibt, wenn alle bezahlt sind –, in der Region bliebe, statt im Renditekreislauf anonymen Kapitals zu verschwinden? Wer so fragt, redet nicht über Enteignung; das Wort weckt Urängste, und im Mittelstand zu Recht. Er redet über Eigentumssicherung durch Verteilung: Durch kluges Gemeinschaftseigentum schützt jemand sein Vermögen besser als durch Alleinbesitz – gegen den Fonds, gegen die Bank, gegen den erzwungenen Verkauf. Und wer so redet, trifft etwas, das der Handwerksmeister längst kennt und verteidigt.

Was für den Betrieb des Handwerksmeisters gilt, gilt für die Versorgung im Ganzen – und nirgends deutlicher als im Gesundheitswesen. Dort haben Finanzinvestoren seit 2013 rund 130 Übernahmen getätigt, 60 Prozent davon allein in den beiden Jahren bis zu dieser ersten Zwischenbilanz; zwei Drittel der beteiligten Fonds saßen nicht etwa vor Ort, sondern in Offshore-Finanzzentren wie den Cayman Islands oder Guernsey (Scheuplein/Evans/Merkel 2019). Bis 2017 war der Gesundheitssektor bereits zur wichtigsten Zielbranche dieser Investoren geworden, und den größten Block bildeten Pflegeheime und Pflegedienste. Wer sich fragt, warum Menschen solche Entwicklungen als Entfremdung erleben, muss nur sehen, wie aus Versorgung Rendite, aus Praxisverwaltung Verwertung und aus einem Gesundheitsberuf ein Geschäftsmodell wird. Genau deshalb ist es kein Nebenthema, ob eine Arztpraxis, ein MVZ oder ein Pflegebetrieb genossenschaftlich, stiftungsgebunden oder von einem Fonds kontrolliert wird: An dieser Stelle entscheidet sich, ob das Eigentum dem Gemeinwohl dient oder die Versorgung dem Markt untergeordnet wird.

Eine Illusion allerdings ist fernzuhalten, an ihr ist das zwanzigste Jahrhundert teuer gescheitert: die Vorstellung, die Eigentumsordnung ließe sich in einem einzigen großen Sprung umwälzen, in einem revolutionären Akt, der das Versäumte mit einem Schlag einholt. So geht es nicht; die Gründe wurden dargelegt. Eine fortschrittliche Umgestaltung des Eigentums ist kein Akt, sondern ein langer, widersprüchlicher Prozess: Evolutionäre und revolutionäre Schritte verschränken sich, es gibt Phasen des Suchens, des Fortschritts und immer wieder des Rückschlags. Schon Marx hat die Wiederherstellung gesellschaftlichen Eigentums als »Negation der Negation« beschrieben, die gerade nicht auf einen Schlag erfolgt; bei Engels ist es ein Fortschreiten vom Niederen zum Höheren, in Zickzackbewegungen, mit zeitweiligen Rückschritten. Hybride Formen können dabei sehr lange bestehen – das Verlagssystem der frühen Neuzeit hielt sich Jahrhunderte, und schon die Aktiengesellschaft galt Marx als Übergangsform aus der kapitalistischen in eine gemeinschaftliche Produktionsweise. Wer also über die Langsamkeit des Wandels klagt, der klage bei der Geschichte, nicht beim Verfasser.

Wohin aber soll dieser Prozess führen? Nicht zum verstaatlichten Betrieb und nicht zum isolierten Kleineigentümer, sondern zu den assoziierten Produzenten: Die arbeitenden Menschen üben die Verfügung über die Produktionsmittel tatsächlich selbst aus – nicht jeder für sich, sondern in ihrem Zusammenhang, in einer lebendigen Einheit von Einzelnem und Gemeinschaft. Ob diese Beziehungen konkurrenzförmig geraten, also asymmetrisch und krisenanfällig, oder kooperativ und solidarisch: Das macht den Unterschied.

Eine Einschränkung ist hier anzubringen. Es wäre zu einseitig, all das allein von unten zu erwarten, aus den Projekten der solidarischen Wirtschaft. Es muss von mehreren Seiten zugleich angegangen werden – durch die Demokratisierung der großen Wirtschaftseinheiten, durch eine andere Steuerung des Staates auf allen Ebenen, durch die Demokratisierung staatsnaher Institutionen wie der Sozialversicherungen und Fonds, und eben auch auf der Ebene der Genossenschaften und der solidarischen Wirtschaft selbst. Denn die überörtlichen Aufgaben – die Vermeidung von Überakkumulationskrisen mit all ihren Folgen – kann kein isolierter Produzent und keine einzelne Genossenschaft für sich lösen; sie verlangen den Zugriff auf gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge.

Ehrlicherweise gehören auch die Grenzen dazu: Keine nicht-kapitalistische Eigentumsform ist widerspruchsfrei. Das kommunale Eigentum etwa ist eine wichtige Errungenschaft und erlaubt hohe bürgerschaftliche Teilhabe – und schließt doch Konkurrenz zwischen den Kommunen nicht aus. Die Aneignung der Natur in der Produktion steht immer in Spannung zu ihrer Erhaltung. Vergesellschaftung ist kein Entweder-Oder, sondern eine Frage des Mehr oder Weniger, und die Ziele – Emanzipation, ökonomische Vernunft, ökologische Tragfähigkeit – lassen sich nicht immer gleichzeitig haben. Der Widerspruch zwischen individueller Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Rationalität wird lange bleiben und muss im Gemeinwesen immer wieder neu ausgehandelt werden. An der Richtung ist mit Marx und Engels gleichwohl festzuhalten: Erst in der Gemeinschaft mit anderen hat der Einzelne die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten auszubilden. Erst in ihr wird persönliche Freiheit möglich.

Praktisch heißt das: jene Vermittlungsglieder suchen und erproben, die ein wirkliches Mehr an sozialem Fortschritt, Demokratie und Selbstbestimmung ermöglichen – auch wenn dieses Mehr die große Utopie noch nicht einlöst. Denn irgendwann schlägt die quantitative Anreicherung der Eigentumsverhältnisse mit gemeinwirtschaftlichen Zügen in eine neue Qualität um, in einem politischen Prozess: Aus genug kleinen Schritten wird ein anderer Zustand.

IX. Wie gelingen Gemeinschaften?

Bis hierher war viel von Strukturen und Rechtsformen die Rede – aber all das funktioniert nur, wenn die Gemeinschaften funktionieren, die es tragen. Und genau daran scheitern die meisten Projekte. Woran? Man erwartet große Antworten: falsche Ideen, fehlendes Geld, äußere Feinde. Die Wirklichkeit ist banaler. Sie scheitern an Ungeduld und unregelmäßigen Kontakten, an jener Null-oder-Eins-Logik, die entweder den sofortigen Erfolg verlangt oder aufgibt.

Was also brauchen erfolgreiche Gemeinschaften?9 Fünf Bedingungen lassen sich benennen.

Erstens: echte, unmittelbare Beziehungen statt oberflächlicher Kontakte – nicht anders als in einer Zweierbeziehung auch. Das ist in einer Zeit ständiger digitaler Vernetzung schwerer geworden, nicht leichter; der flüchtige Kontakt ist rasch zu haben und nährt doch nicht.

Zweitens: Zeit, Rhythmus, Kontinuität. Eine Gemeinschaft braucht ihren Atem wie ein lebendiger Organismus, und was langsam wächst, entwickelt Wurzeln. Unter Zeitdruck dagegen verkümmert jede Beziehung: Wer hetzen muss, kann weder zuhören noch vertrauen noch experimentieren.

Drittens: die Bereitschaft, über die Qualität des Miteinanders zu sprechen. Nicht nur über Ziele und Projekte reden, sondern auch darüber, wie man miteinander umgeht, wo Spannungen sitzen, wer sich überhört fühlt. Das ist keine Psychotherapie, das ist dynamische Gruppenarbeit – eine Gemeinschaft, die über ihre eigene Qualität nicht sprechen kann, gleicht einem Orchester, das nicht aufeinander hört.

Viertens: ein anderes Verhältnis zum Widerspruch. Die fruchtbarsten Momente entstehen nicht im harmonischen Einverständnis, sondern in der produktiven Auseinandersetzung. Zwischen Sein und Nichtsein, sagt die Dialektik, ist das Werden zu Hause – die Raupe, die zum Schmetterling wird, ist auf dem Höhepunkt ihrer Verwandlung weder das eine noch das andere. Auch die Grenze zwischen Quantität und Qualität ist nicht starr: Zwei Haare sind keine Frisur, aber ab einer gewissen Menge ungeschnittener Haare hat man es sehr wohl mit einer zu tun, vielleicht mit einer schlechten. Diese Kippmomente sind das Salz der Gemeinschaftsarbeit.

Und fünftens: der Andere. Es genügt nicht, sich nach innen zu kehren und erst den inneren Frieden zu suchen, bevor man in Beziehung geht – eine verbreitete Sackgasse gerade in spirituell geneigten Kreisen. Wir sind relationale Wesen und erkennen uns nur im Spiegel des Anderen.

Vor eben dieser Sackgasse hat Leo Kofler unter anderem Namen gewarnt: dem prinzipiellen Asketismus, der Ansicht, man könne sich dem Kapitalismus durch ein verzichtendes Leben entziehen – durch das »Aussteigen«. Das sei nicht die Aufgabe eines politisch bewussten Menschen, das sei Flucht, und Flucht ende in Enttäuschung. Dagegen setzte er den »erotischen« Menschen: gemeint ist nicht Liebe und Sexualität, sondern humane Entfaltung aller Art – Eigenarbeit, Philosophie, Kunst, Spiel, Geselligkeit. Der Kampf um eine solche Gesellschaft verlangt Opfer, gewiss; aber es ist ein Asketismus als Mittel, nicht als Programm, und deshalb mündet er nicht in Enttäuschung, sondern in wachsender Ermutigung. Kofler hat das mit einer Charakterstudie zugespitzt, die jeder kennt: Der prinzipielle Asket ist eine Zumutung – trocken, griesgrämig, schlechte Laune verbreitend. Der erotische Asket dagegen ist umgänglich, und nichts Menschliches ist ihm fremd. Daraus folgt: Eine Gemeinschaft, die nur aus Verzicht und Pflicht besteht, hält nicht – sie zieht die Griesgrame an und vertreibt die Lebendigen. Gelingende Gemeinschaften sind Orte der Entfaltung, nicht der Entsagung.

Zur Gestalt einer Gemeinschaft gehört schließlich ihre Größe, und hier sind die Erfahrungswerte erstaunlich fest. Eine Arbeitsgruppe, in der noch jeder mit jedem spricht, umfasst höchstens sieben Menschen. Eine Interessengruppe, in der man einander noch kennt, höchstens dreißig. Und eine Gemeinschaft, die als Ganzes noch zusammenhält, etwa hundertfünfzig. Wer darüber hinauswächst, muss teilen statt anbauen – sonst entstehen von selbst Apparate, Stellvertreter und Fraktionen, und man ist wieder dort, wovon dieser Beitrag handelt.

Daraus folgt ein Satz von grundsätzlicher Bedeutung: Die Gemeinschaft wächst an den Rändern, nicht in der Mitte. Neues entsteht dort, wo neue Zellen ansetzen, nicht dadurch, dass der Kern sich aufbläht. Goethe hat das in zwei Zeilen gefasst, die man der ganzen Linken ins Stammbuch schreiben möchte: »Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.«

Aus alledem folgt eine Umkehrung der gewohnten Reihenfolge: Nicht aus großen Zielen wachsen tragfähige Beziehungen – aus tragfähigen Beziehungen wächst der gemeinsame Zweck. Viele Gruppen überspringen die Beziehungsarbeit, wollen gleich zur Sache und wundern sich, dass nichts hält. Wer dagegen weiß, dass jede Gruppe ähnliche Phasen durchläuft – Euphorie, Ernüchterung, Konflikt und, wenn sie es schafft, reife Arbeitsbeziehungen –, der kann gestalten statt nur reagieren. Gemeinschaften sind Laboratorien für Menschlichkeit: linke Politik als Lernprozess, übersetzt in die Praxis des Zusammenlebens – was die Leute im Offenbacher Sozialistischen Büro aus Erfahrung wussten. Funktionierende Gemeinschaften sind das Herz der entstehenden Regionalgesellschaft – ohne sie bleibt das schönste Eigentumsmodell ein Stück Papier.

Das verlangt eine Umstellung, die einer Linken schwerfällt, die gewohnt ist, vom Programm her zu denken. Eine Freie Linke kann nicht zuerst die »richtige Linie« verkünden und dann Menschen für sie anwerben. Sie muss zuerst tragfähige Beziehungen aufbauen – und den gemeinsamen Zweck aus ihnen wachsen lassen. Denn wie eine Gruppe miteinander umgeht, ist bereits der Beweis oder die Widerlegung der Alternative, die sie vorschlägt. Die Art des Miteinanders ist keine weiche Nebensache. Sie ist die erste politische Tatsache.

Das ist zugleich das Gegengift gegen das, woran die kleinen linken Organisationen zugrunde gegangen sind: Ausschlüsse, Spaltungen, der Kleinkrieg der Minderheiten. Eine Freie Linke muss Streit aushalten, ohne zu zerfallen. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem zusammenarbeiten – man muss es sogar. Konflikt als Wachstumschance, nicht als »schädlich für die Sache«: Das ist innerparteiliche Demokratie, übersetzt in die tägliche Praxis. Und es ist das Einzige, was eine lernende Bewegung von der nächsten rechtgläubigen Sekte unterscheidet.

Diese Arbeit trägt, sie schmückt nicht. Strukturen halten nur, wenn die Gemeinschaft hält, die hinter ihnen steht. Das regelmäßige Treffen, die Präsenz statt des Events, das Aussprechen der Spannungen – das ist nicht die Vorbereitung der Erosionsstrategie. Das ist die Erosionsstrategie, an dem Ort, an dem sie tatsächlich lebt. Die funktionierende Gemeinschaft ist die kleinste reale Utopie. Eine Freie Linke, die das beherrscht, hat die eine Fähigkeit, die der orthodoxen Linken immer gefehlt hat. Eine, die es vernachlässigt, endet – so richtig ihre Analyse auch sein mag – als weiterer Zirkel, der sich selbst auflöst.

X. Unternehmerische Initiative organisieren

Wenn Gemeinschaften Laboratorien sind, dann muss in ihnen auch experimentiert werden dürfen – und damit ist ein Wort erreicht, das auf der Linken sogleich Unbehagen auslöst. Gehört »unternehmerisch« nicht auf die Gegenseite?

Das Unbehagen ist verständlich, beruht aber auf einer Verwechslung: Man setzt die Funktion mit ihrer kapitalistischen Form gleich. Unternehmerische Initiative heißt nichts anderes als ausprobieren, riskieren, scheitern und daraus lernen. Genau diese Experimentierfreude hat dem realen Sozialismus gefehlt – und an ihrem Fehlen ist er zugrunde gegangen. Eine Genossenschaft, eine Stiftung, ein regionaler Betriebsverbund sind keine vormodernen Relikte; es sind Experimente mit neuen Eigentumsformen: nicht staatlich, nicht privat im Sinne anonymen Finanzkapitals, sondern mittelständisch und gemeinschaftlich – und dabei marktfähig, innovationsoffen, wagemutig. Das ist linke Politik nicht trotz, sondern wegen ihrer unternehmerischen Dimension. Und wer es so sieht, redet mit den kleinen und mittleren Unternehmern, mit den Freiberuflern plötzlich ganz anders – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern als mit Leuten, die das Experimentieren mit Eigentum längst betreiben, ohne es so zu nennen.

In der vom Verfasser gegründeten Utopie-Akademie wird nach diesem Verständnis gearbeitet: in Praxis-Werkstätten für mittelständische Unternehmen und Freiberufler – keine Schulungen, keine Seminare, sondern Werkstätten, in denen an den eigenen Fällen gearbeitet wird. Zwei Prinzipien gelten dabei: jenseits der politischen Parteien und weltanschaulich offen. Wer die Eigentumsfrage stellt, ist willkommen, gleich woher er kommt; wer zuvor ein Parteibuch oder ein Bekenntnis sehen will, ist dort fehl am Platz. Das ist mühsam. Aber es ist die Arbeit, die zählt.

XI. Sieben Anstöße: wie man heute noch links sein kann

Abschließend sei ein Titel von Georg Fülberth entlehnt, der vor Jahren ein Buch über die sieben Anstrengungen schrieb, den vorläufigen Endsieg des Kapitalismus zu begreifen (Fülberth 1991). Sein Gedanke: Auch diese Gesellschaftsordnung ist endlich – endlich, aber zäh. Und die Summe der Vergesellschaftungen kann irgendwann in eine neue Qualität umschlagen.

Das ist freilich ein zweischneidiger Trost, denn er kann zum Alibi des ewigen Aufschiebens werden: die sozialistische Idee im Herzen tragen und sie vertagen, weil die Zeit nie reif erscheint. Gegen eben diese Versuchung seien, statt einer großen Schlussformel, sieben Anstöße gesetzt.

Erstens: die Eigentumsfrage stellen, und zwar zuerst. Wem gehört was, nach welchen Regeln? Sie allein macht eine Politik zu einer linken – nicht das richtige Vokabular.

Zweitens: so sprechen, dass man verstanden wird. Verständlichkeit ist keine Verwässerung, sondern Reichweite. Wer das Kaderwelsch ablegt, verliert nichts an Schärfe und gewinnt Gehör.

Drittens: die Antwort nicht schon vorher wissen. Das Subjekt bleibt offen, die Form offen, der Weg offen – eindeutig ist allein die Frage.

Viertens: in den Rissen bauen, statt aufs Ganze zu warten. Die Lücken nutzen, die jede Ordnung lässt; weder auf die reife Stunde noch auf eine Mehrheit muss warten, wer anfängt.

Fünftens: Demokratie zuerst bei sich selbst üben – in der eigenen Gruppe, der eigenen Partei, der eigenen Gemeinschaft. Von oben ist nichts zu erhoffen, und der Sauberkeitswahn frisst die Substanz.

Sechstens: den Anderen ernst nehmen, gerade den, der fremd ist und unbequeme Fragen stellt. Der Andere ist nicht das Hindernis auf dem Weg. Der Andere ist der Weg.

Siebtens: experimentieren – mit Eigentum, mit Demokratie, mit unternehmerischer Initiative. Der reale Sozialismus ist an der Angst vor dem Experiment gescheitert; derselbe Fehler ist aus der entgegengesetzten Richtung zu vermeiden.

Ob daraus eine Freie Linke wird, die den Namen verdient, hängt nicht von Programmen ab, sondern von denen, die anfangen. Eines aber ist sicher: Diese Geschichte ist nicht zu Ende. Und wo Versuche scheitern, gilt Samuel Becketts Satz aus »Worstward Ho«: »Try again. Fail again. Fail better.«

Literaturverzeichnis

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3 Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, 475.

4 www.nexus-terminal.org

5 Anne Lehmann, Kartographie der Arbeiter:innenklasse, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2024.

6 Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: MEW, Bd. 40, besonders das 1. Manuskript / »Die entfremdete Arbeit« und das 3. Manuskript / »Privateigentum und Kommunismus«.

7 Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik, 1923.

8 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels. Übers. von Jean-Jacques Raspaud. Berlin 1996.

9 Vgl. Gausmann/Schmuck, Wem die Welt gehören könnte. Eigentum in der Regionalgesellschaft. Verum Utopia 2026, S. 217 – 224.

Bild: Freien Linke auf der Demonstration »Frühlingserwachen« in Kassel am 20. März 2021 (© Sokratiker.de)

https://utopie-akademie.de/

27 thoughts on “Was eine Freie Linke ausmacht

  1. Links oder rechts, die Regierung ist nichts weiter als die herrschende Mafia, die ihre Konkurrenz für illegal erklärt. Das einzige Regierungssystem, das eine Weile für die Bürger funktioniert hat, ist das der Schweiz: direkte Demokratie übersteuert die mafiösen Strukturen, die Subsidiarität begrenzt die Zentralmacht. Leider scheint die Schweiz auf dem Weg, diesen sinnvollen Weg Schritt für Schritt aufzugeben. Hoffentlich findet sie zurück, bevor es zu spät ist.

    Die ganze Theorie für die Ideologie ist für die Füsse. Es geht allen nur um Macht, der Rest ist vorgespielt. Kaum gibt es einen Machtwechsel, so wechseln diejenigen die Seite, die gerade noch scheinbar Feuer und Flamme für die andere Ideologie waren.

  2. Ergebnisse der Prüfungen auf KI-generierten Textanteil des Artikels variieren zwischen 70-80%. Überprüft es selbst, wenn Ihr es nicht schon beim Lesen merkt

    Zieht Eure Schlussfolgerungen

    1. Es kann einfach sein, dass Dr. Gausmich versucht, »Kaderwelsch«, wie er sagt, zu vermeiden. Dabei reicht seine schriftliche Kompetenz aber nicht aus , auf »Stil« oder Jargon verzichten zu können. So stellt sich dann diese Collage aus verschiedenen Jargons her, die dem eklektischen Inhalt entspricht. Es ist nicht angenehm zu lesen, stimmt, und es gibt viele logisch ungenaue oder falsche Übergänge.

      Ich sehe aber auch, dass einige Stellen und Ausdrücke tatsächlich den Eindruck machen, eine spinnerte KI hätte sie generiert. Irgendwo steht da die Stilblüte »enthemmte Demokratie«, so ähnlich jedenfalls, wo ich denke, nein, darauf kommt kein Mensch, der Anstand besitzt, darauf. Oder »der Andere ist der Weg« - wobei ich jetzt nicht verraten möchte, welches Bild da bei mir entsteht. Das ist einfach geistloses Plappern. Menschen sollten nicht wie öffentliche Radwege behandelt werden, sondern vor allem als Zweck(e).

      Die »sieben Anstöße« kommen mir sehr komisch vor. Beispielsweise »in Rissen bauen, statt auf Ganze zu warten«. Was soll das sein? In Rissen baut kein Mensch. Er richtet sich vielleicht in einer »Nische« ein. »Riß« als Synonym für »Nische«? Eine Wahl, die entweder ein barbarisches Sprachempfinden verrät oder mechanisch vorgenommen wurde.

      Ich musste einmal während einer Fortbildung, mit KI Prosa erstellen. Also prinzipiell wäre es möglich,. auch einen »argumentativen« Text, wie den oben, recht einfach zu erstellen. Erst wählst Du die Quelltexte aus, dann allgemeine inhaltliche Angaben (ich probierte es u.a. mit »Erstelle eine Argumentation gegen das Deutsche Steuersystem; stütze sie auf libertartistische und paläoliberale Vorlagen und drücke sie in amerikanischem Englisch mit texanischem Akzent aus«) und gibst einiges vor, was die persönlich wichtig ist und unbedingt enthalten sein soll. Eine Gliederung vielleicht noch - und fertig.

      Der Text oben hätte noch besser überarbeitet werden können. Vielleicht hat Gausmich ihn auch selbst geschrieben. Möchte ich nicht entscheiden.

      Er ließe sich auch inhaltlich kritisieren, wenn jemand nach der Lektüre noch Lust hätte.

      Ich habe keine.

  3. Auch hier wieder offensichtlich: »Links« wird ausschließlich als marxistisches »Links« gesehen.

    Damit vereinnahmt die marxistische »Linke« für sich den Widerstand gegen »rechts«.

    Versteht man RECHTS als den autoritativen, hierarchischen, nach dogmatischen Regeln und aus einem kleinen Zirkel heraus undemokratisch führenden und lenkenden Machtanspruch, so ist das Gegenteil von RECHTS keineswegs marxistisches »Links«, denn genau das wollen marxistische »Linke« auch.

    Es gibt keinen Widerspruch zwischen RECHTS und marxistischem »Links« und daher ist die Besetzung des Platzes des Widerparts gegen RECHTS tatsächlich eine ungeheuere PsyOps.

    Marxismus wie er von der UdSSR und im maoistischen China und in anderen Staaten verstanden und praktisch umgesetzt wurde, und nicht anders umzusetzen ist, ist nämlich genau das: »autoritativen, hierarchischen, nach dogmatischen Regeln und aus einem kleinen Zirkel heraus undemokratisch führenden und lenkenden Machtanspruch«. Also RECHTS!

    Dass das marxistische »Links« den angeblichen Widerpart zum als freiheitlicher Mensche abzulehnenden RECHTS bilden würde, ist die größte Verarsche der neueren Geschichte. Und verhindert erst einmal die weitere fortschrittliche Entwicklung der Menschheit.

    Eine wirklich freie Linke würde Marx nur als EINEN Stichwortgeber sehen - EINER unter vielen anderen die sich schon artikuliert haben oder sich erst artikulieren wollen - ohne unter der Last des Marxismus verwirrt zu werden.

    Marx auf seinem Sockel als angeblich DER Prophet und Verkünder der einzig wahren Analyse und Lehre ist heute nichts weiter als ein Hemmschuh für Widerstand gegen die bedrückenden Verhältnisse und Fortentwicklung.

    Orthodoxe, »bibeltreue« Marxisten sind die größten Spalter unter der Sonne und daher effektiv die Geheimarmee der Ausbeuter, Weltbedrücker und Superreichen.

    1. Und gerade Gaussmann ist einer der typischen Repräsentanten dieses »linken« Widerstands-Zerredungs-Systems mit seinen verirrten und Verwirrung stiftenden Einlassungen bezüglich dem Coronamaßnahmen-Widerstand.

      Aber es sind ja tatsächlich immer wieder dieselben da die Auswahl an PsyOps-Agenten an den geeigneten Stellen eben auch nur endlich große ist.

  4. Ob der Artikel »marxistisch« ist, scheint hier ein »Frage« zu sein, deren positive Beantwortung bereits als gesichert gilt, weil der Gausmich-Text das Stellen der »Frage« nach der gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums als die Linke wesentlich von der Rechten unterscheidenden Akt ausgibt.

    Tatsächlich ist die Frage nach der gerechten Verteilung weder wesentlich »links«, noch liegt sie der marxschen Kritik zugrunde. Vielmehr ist sie der Ausdruck des forwährenden Klassenkampfes um das gesellschaftliche Mehrprodukt, der sich ideologisch im Gerechtigkeitideal bloß widerspiegelt und idealistisch von allen Klassen gestellt wird, um sie zugleich schon zu ihren jeweiligen Gunsten zu beantworten. Die Idee der gerechten Verteilung entsteht aus der materiellen Ungleichheit und durch sie, sie bietet die allseitige Rechtfertigung, in den Streit über sie gegeneinander anzutreten.

    Marx hingegen untersuchte den wirklichen Klassenkampf unter den sich entwicklelnden kapitalistischen Bedingungen und die Formen, in denen er sich verwirklicht, von denen die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit nur eine ideelle und eine historisch nicht gerade originelle ist.

    Ich gehe nicht auf die vielen argumentatorischen Winkelzüge ein, die Gausmich einbaut, um sein Phantasma des »Linksozialismus« als »Freie Linke avant la lettre« zu projizieren - eine willkürliche Auswahl von proletarischen und gar nicht so proletarischen Akteuren, die er isoliert von dem Milieu der organisierten Arbeiterbewegung betrachtet, das sie überhaupt erst hervorbrachte (…selbst Altvater, man muss schmunzeln, warum nicht gleich Michael Heinrich?…). Wobei er nicht umhinkommt, uns beiläufig zu versichern, dass nicht ohne eine »empirisch geerdete Analyse des Klassenkonflikts« auszukommen sei - die einzige Stelle im Text, die Gefahr läuft an das Wort »Klassenkampf« zu erinnern.

    Er bietet nichts Neues an. Es ist vielmehr der ganze promarxistische »Gemischtwarenladen«(*) des alten damals noch mit der DKP sympathisierenden Spektrums der Friedensbewegung, vermehrt um einige der Mode geschuldeten Neuzugänge, die sich sehr seltsam in der Auslage machen.

    Links ist das schon noch. Aber »links« und »rechts« sind halt bürgerliche Kategorien, die wir verwenden, solange wir an einem antifaschistischen Grundkonsens festhalten.

    Indem Gausmich die ökonomistische und bürgerlich-idealistische Frage nach »Verteilungsgerechtigkeit« in den Vordergrund rückt, liegt eine Rechtsabweichung und eine opportunistische Relativierung des antifaschistischen Grundkonsenses vor

    (*) Kurt Lenk fehlt. Der war nett, aber Politologe.

    1. Auch dass die Friedensbewegung letztlich marxistisch dominiert und gesteuert wurde (und wird), ist so ein Punkt. Was mir in meiner damals jugendlichen Unbedarftheit leider nicht auffiel.

      So lange der Widerstand gegen das Herrschaftssystem marxistisch besetzt bzw. vereinnahmt ist, so lange wird Widerstand von Marxisten bekämpft und als »rechts« dennunziert, so die Marxisten nicht die Spitze des Widerstandes bilden oder unterwandern können.

      Realer Marxismus ist effektiver Spaltismus. Denn Marxisten wollen niemanden neben sich dulden und beissen alles weg, was nicht derer Irrlehre gehorcht.

      1. … ist wohl irgendwie an mich gerichtet, der Kommentar.

        Es gibt deinen »Punkt« nicht.

        Und falls du witzig sein wolltest: ich erkenne die Pointe nicht.

        Du warst also in der Friedensbewegung aktiv? Dann erzähle doch erst mal, was du so gemacht hast!

        Na …?

        1. (… na ja, hier die „long version“ der Antwort. Die Auswertung des Erfurt-Treffens scheint noch erarbeitet werden zu müssen…)

          Nein, ich habe die Friedensbewegung nicht dominiert und nicht gesteuert. Ich gehörte ihr zu keinem Zeitpunkt an.

          Tatsächlich bin ich in einem zur Untugend neigenden Maß bescheiden und würde es auch dann nicht versucht haben, wenn ich jemals Pazifist gewesen wäre - obwohl es mir in Anbetracht meiner überragenden Intelligenz, meines umwerfenden Aussehens, meiner unübertroffenen Qualität als Redner, des überirdischen Sex-Appeals meiner Freundinnen - die schon aufgrund ihrer Masse überzeugt hätten ( ich selbst bin auch sehr massenhaft, hätte also das gar nicht nicht nötig gehabt) - desweiteren meines wie wild sich verwertenden Kapitals und nicht zuletzt meines betörenden Aftershaves, da hast du Recht, leicht gefallen wäre SPD, DGB und Kirchen allesamt meinem weisen und wohltätigem Diktat zu unterwerfen - denn, du ahnst es bereits, wer ohnehin die Welt beherrscht, für den wäre nur ein leichter Wink, ein lässiges Trommeln mit nur einem seiner diamantberingten Finger oder ein Wackeln mit dem vergoldeten Ohrläppchen nötig gewesen.

          Nun, ich war´s aber nicht. Und ich bin mir sehr sicher, dass dir niemand glauben wird, wenn du das Gegenteil behauptest.

          … aus gewissen Gründen, die ich lieber verschweigen würde, bin ich mir dessen sogar sehr sicher, … ich hatte da nämlich so´n Pickel:

          Also, ohne zu weit auszuschweifen, es ließe sich das unwiderlegliche Argument anbringen – und ich zögere nicht, es tatsächlich zu tun - , dass, wer diesen Pickel nicht liebte, ein gefährlicher Schwachsinniger gewesen wäre und in die Psychiatrie gehörte. Es war aber doch so, dass keiner von ihm wissen konnte! Tja, nur dass jeder hätte ihn sich jederzeit vorstellen können – und das ist der wesentliche Punkt! Ich hatte einen wirklichen Pickel, von dem niemand wissen konnte, den sich aber jeder vorzustellen vermochte. Was also tun?

          Ich las Kant.

          Nun gut, dachte ich mir hernach, immerhin fügt der Umstand, dass sich Psychopathen meinen Pickel vorstellten, meinem real-existierenden Pickel keine neuen Attribute zu. Er würde also, schloss ich, genauso liebenswert und attraktiv bleiben, wie er für mich da war. Dass mithin jeder, der sich diesen Pickel bloß vorstellte, einen pathologischen Ekel, gar Hass empfinden müsse, ist evident, schien mir, denn ich hatte die echte Erfahrung mit einer Warze gemacht, deren unmittelbare Anschauung auf der Kopfhaut einer geliebten Freundin zunächst eine Abscheu erregte, die mich jäh aus ihrem Bett springen und das Weite suchen gelassen hatte, um später in einen nachhaltigen Ekel zu resultieren, wenn ich die Arme auch nur ansah und dabei unwillkürlich die horrende Wucherung vor mein geistiges Auge trat. Pathologisch war dieses Empfinden natürlich nicht, war ich der Überzeugung. Denn ich konnte der Existenz der Warze meiner Freundin gewiss sein - und dieses gewisse Dasein war echt hässlich, mein Ekel also objektiv gerechtfertigt.

          Ich kam nicht umhin der Unglücklichen den Grund für meine Desertion, und die Distanziertheit, die ich ihr gegenüber seitdem an den Tag gelegt hatte, zu offenbaren. – Sie erwies sich, eine echte Freundin der Minerva, als die einfühlsamste Ratgeberin und einsichtsreichste Führerin in meiner Notlage. - Das mache letztlich nichts, meinte sie in nüchternem Ton, ihr ginge es umgekehrt ebenso mit mir – dabei hob sie das Weinglas an ihren Mund und blickte mich lauernd über seine Rand hinweg an. Das kam nun doch unerwartet für mich, sodass mir das Kinn herabsank und, ich gebe es zu, etwas Wein herausabberte. - Du bist der eingebildeteste Snob, den ich bislang kennengelernt habe fuhr sie fort und in ihren Augen (grün) begannen leise irritierende Lichter zu kreisen - und das Schlimmste ist dabei, dass Du auf ein fundamentale Art verblödet bist, die allen angelernten Argumente, die du so gerne in den unpassendsten Augenblicken und völlig an den verhandelten Sachen vorbei aufsagst, ihren Stempel aufdrückt und damit sowohl die Argumente, wie ihre Urheber mit viehischer Dummheit und Unernst besudelt sind. – Mir ging es auf einmal wie ein Mühlrad im Kopf herum, und ich blickte auf meine wie vom Willen befreite Rechte, die nachdrücklich auf die Tischplatte klopfte, während die Linke sich des Weinglases entledigt hatte, um mir eindeutig obzöne Gesten zu machen – selbst solche, die ich noch gar nicht kannte, was meinen Schrecken um einiges vergrößerte… - Oh, Herr im Himmel, stammelte ich, kaum noch meiner Sinne mächtig, MK Ultra…!

          …Fortsetzung folgt.

  5. Das Treffen in Erfurt hat klargemacht, dass dies etwas Neues ist, was noch keinen -ismus hat. Wer einen Namen dafür findet möge ihn propagieren. Ich setzte keinen Pfifferling auf die alten Organisationen. Das muss alles neu gemacht werden, auch wenn wir noch nicht richtig zum Zug kommen können.

  6. … UCA scheint die falsche Adresse für die Frage zu sein.

    Redaktion, werden die Veranstalter des Erfurt-Treffens eine Auswertung veröffentlichen?

    1. Wir veröffentlichen zunächst einmal möglichst alle Beiträge, ob es eine gesonderte Auswertung für die Öffentlichkeit geben wird, ist derzeit noch nicht klar.

  7. In diesem Text findet man die klassischen Muster der Desinformation seit Annudazumal, ja seit der Bibel:

    in einem Haufen von Buchstaben, mit einem Textmonster, in einem Buchstabensteinbruch vermengt man soviel Wahres mit soviel Falschem, soviel Vermutetes mit Gehofftem, soviel Vorurteil mit tatsächlich Sichtbarem, dass man daraus alles oder nichts folgern kann, dass man daraus Beliebiges ableiten kann, dass man damit Gehirne weich massieren kann und danach alles Aus- und Umdeuten kann wie es dem eigenen Ziel nützlich ist.

    Das lächerlichste daran ist, dass das angeblich um den Arbeiter bemüht sei, also dem allerletzten, der so eine Textwüste lesen oder auch nur wahrnehmen würde. An wen richtet sich also dieses Elaborat? An die vermeintlich Revolutionären, insbesondere an junge. Und was soll an denen damit bewirkt werden? Sie sollen zu fremden Zwecken missbraucht werden. Das ist alles!

  8. Richtig ist, dass die anti-kapitalistische Linke (eine andere gibt es nicht) einer Runderneuerung bedarf bzw. neu konstituiert werden muss. Dazu bedarf es folgender Ingredienzien:

    1) Analyse des derzeitigen Kapitalismus und seiner Entwicklung
    2) Einschätzung sozialistischer Alternativen
    3) Strategische Schlussfolgerungen für einen Bruch mit dem kapitalistischen System

    1) Es ist absurd, wenn der Autor nur ganz abstrakt und allgemein auf den Zusammenhang von Macht und Eigentum verweist ohne auch nur im Ansatz eine konkrete Analyse der heutigen kapitalistischen Machtverhältnisse vorzunehmen. Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich kam 2011 zu dem Ergebnis, dass die kapitalistische Weltwirtschaft zu diesem Zeitpunkt weitgehend von einer Kerngruppe von 147 transnationalen Konzernen kontrolliert wurde, wobei drei Viertel dem Finanzkapital zugeordnet waren. Jean Ziegler sprach von den neuen Herrschern der Welt - den Beutejägern des globalisierten Finanzkapitals, den Baronen der transkontinentalen Konzerne, den Börsenspekulanten, die ungeheure Vermögen anhäufen und mehr Macht besitzen, »die kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.“ Und er verwies auf die ihre willfährigen Verbündeten - internationale Organisationen wie Welthandelsorganisation, Weltbank und Weltwährungsfonds. Dazu gesellten sich weitere supranationale Organisationen, welche die Herrschaft des Kapitals mit pseudo-demokratischer Fassade stützen und Profite sichern wie UNO, WHO, WEF und in Europa die EU. Nun kam noch eine neue, übergeordnete Ebene dazu: Blackrock, State Street, Vanguard und einige andere, welche sich die Konzernwelt aneignen. Rudolf Hilferding hat mal daran gedacht, dass auf der Basis Akkumulation, Konzentration und Zentralisation des Kapitals nur ein Konzern übrig bleiben könnte. Diesem Zustand nähern wir uns - auf globaler Ebene.

    Der relative Klassenkompromiss nach dem Ende des 2. Weltkrieges (»Soziale Marktwirtschaft«) musste der neoliberalen Wende zur entfesselten, deregulierten, liberalisierten, privatisierten Marktwirtschaft, zum Rückbau des Sozialstaates und zur Umverteilung von unten nach oben weichen. Doch dann entdeckte das Großkapital das Thema »Nachhaltigkeit« - nachhaltige Profite durch staatsdirigistische Maßnahmen lukrieren. Klaus Schwab vom WEF verkündete das Ende des Neoliberalismus. Wenn die Kassa klingelt, verzichtet man doch gerne auf freie Märkte. Man sprach einmal vom »Staatsmonopolistischen Kapitalismus« - nun haben wir einen »Supra-Staatsmonopolistischen Kapitalismus«. Mit passenden bedrohlichen Geschichten - wie dem vorgeblichen Weltuntergang durch Klimawandel oder tödlichen Viren-Pandemien lassen sich mit Hilfe politischer Marionetten sowie diverser (N)GOs tausende Milliarden in die Taschen des Großkapitals lenken. Da wird BlackRock-Chef Larry Fink gleich ganz gierig und fordert Zwangsinvestitionen aus Spar- und Pensionskonten für KI-Rechenzentren. Kurz: wir haben eine Machtkonzentration wie es sie noch nie gegeben hat. Freiräume gibt es höchstens scheinbar (oder für Initiativen, die nicht stören) - angesagt ist die totale Kontrolle, Zensur und Faschisierung im Interesse des Kapitals! Ohne dessen Zustimmung wächst da gar nichts - schon gar keine alternative Ökonomie.

    2) Es bedarf natürlich einer kritischen Analyse der sozialistischen Revolutionen - insbesondere der bolschewistischen. Aber es muss eine substanzielle, differenzierte Analyse sein, zu der der Autor offenbar nicht in der Lage ist. Die Geschichte der Sowjetunion ist nicht einfach eine Geschichte des Versagens, des Zwanges und des Terrors. Das ist reaktionärer Unsinn! Zu Beginn der Oktoberrevolution gab es dort 80% Analphabeten. Beim Tod Stalins waren es nur noch 20%. Innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten wurde die Sowjetunion industrialisiert - das war die Voraussetzung für die Rüstungsproduktion, und diese wiederum sorgte dafür, dass Hitler besiegt werden konnte. Ohne diese Industrialisierung hätte Hitler den Krieg gewonnen - und wir hätten vielleicht heute noch eine Nazi-Herrschaft. Aber mit solchen Kleinigkeiten gibt sich unser Autor erst gar nicht ab. Die Oktoberrevolution und die Sowjetunion haben viele anti-kolonialistischen Bewegungen inspiriert und auch materiell unterstützt (China, Kuba, Vietnam, etc.). Auch das Stalin-Bild, das im kalten Krieg entstanden ist, bedarf einer Korrektur. Man kann in diesem Zusammenhang nur die Bücher von Domenico Losurdo (»Der Kommunismus: Geschichte, Erbe und Zukunft« und »Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende«) empfehlen.

    Der größte Rückschritt nach dem 2. Weltkrieg für die dort lebende Bevölkerung war übrigens die Auflösung der SU - angestoßen von einer »hochqualifizierten Generation«, »voller Wissbegier, mit weit tieferem Wissen um die Mängel des eigenen Systems« und einem »Unguided Missle« namens Gorbatschow, der jede Menge Lawinen angestoßen hat, ohne das geringste Konzept oder Plan zu haben, diese Lawinen in geordnete Bahnen zu lenken und die SU zu reformieren. Der Westen liebte ihn, gerade weil er alles zerstörte. So wurde er schließlich selbst von der Geschichte hinweggespült und es erfolgte unter Jelzin die Restauration des Kapitalismus. Es schlug die Stunde der Oligarchen, die sich das Volkseigentum in krimineller Manier unter den Nagel rissen. Joseph Stieglitz erwähnt in seinem Buch »Der Schatten der Globalisierung«, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dies als gewaltigen Rückschritt wahrnahm. Putin hat völlig Recht: das war eine wahre Katastrophe! Ja, die zentrale Planwirtschaft war zwar geeignet, die Sowjetunion zu industrialisieren, konnte aber nach dem 2. Weltkrieg nicht mit dem westlichen Kapitalismus mithalten (auch wegen der Sanktionspolitik des Westens). Doch die KPdSU war nicht fähig, die produktiven Elemente der Marktwirtschaft zu nutzen und die Wirtschaft zu reformieren. Markt war gleich Kapitalismus. Das war ein fundamentaler Fehler. Die Chinesen haben das verstanden. Aber das ist eine andere Geschichte - die zur weitgehenden Wiederherstellung des Kapitalismus führte (vielleicht eines besseren). Sogar Blackrock ist schon da.

    3) Es ist ziemlich absurd zu meinen, dass dieses System der totalen Herrschaft des Großkapitals mit dem Ausfüllen von Räumen und Rissen zu Fall gebracht werden kann (noch dazu wo dieses grad in den offenen Faschismus bzw. in die Kriegsvorbereitung übergeht). Schon Ferdinand Lasalle wollte den Kapitalismus mit Produktivgenossenschaften aushebeln (mit Vorzugskrediten, die der preussische Staat zur Verfügung stellen sollte) und so friedlich in den Sozialismus hineinwachsen. Marx hat das zurecht als gemeingefährlichen Unsinn eingestuft. Diese Ideen kommen immer wieder auf - auch die »Gemeinwohlökonomen« wollen im Kapitalismus ein alternatives Wirtschaftssystem auf der Basis lokaler, dezentraler Einheiten aufbauen. Dafür gibt es lobende Erwähnung von EU und UNEP. Es passt wohl ins Konzept des »Great Reset« der Herrschenden. Stören tun die weiter nicht. Bauernmärkte und Verbrauchergenossenschaften interessieren das Großkapital nicht im geringsten. Vielleicht werden sie irgend wann auch Autos, Eisenbahnen, Flugzeuge, etc. dezentral und ethisch wertvoll herstellen. Na, macht mal. Alternative Ansätze mögen ja auch durchaus unter bestimmten Bedingungen Sinn machen. Wenn man beispielsweise Microsoft Windows durch Linux ersetzen will. Aber das ist eben nicht so einfach. Manche Kommunen haben das probiert und sind kläglich gescheitert. So eine Alternative könnte allenfalls mit massiver staatlicher Intervention und Förderung geschehen (wie in China). Damit sind wir wieder bei der Kontrolle bzw. der Eroberung des kapitalistischen Staates (und der EU) gelandet. Auch bei der Eroberung der »robusten Ketten von Festungen und Kasematten«, die sich dahinter befinden (Gramsci).

    Besser wir knüpfen an Lenins Konzept einer revolutionären Partei an und übersetzen das für die heutige Zeit (er hat immerhin eine Revolution zustande gebracht). Es geht heute nicht um Barrikadenkämpfe, sondern um den radikalen Bruch mit den bestehenden Besitzverhältnissen. Dazu brauchen wir eine revolutionäre Avantgarde mit gefestigten Positionen - nicht ein unbestimmtes Konstrukt, bei dem alles offen bleibt, bis auf die Frage, wem was gehört - auf die es unendlich viele Antworten gibt. BSW hat so gearbeitet - alles blieb offen. Die Führung war unfähig, eine klare, zumindest halbwegs kapitalismuskritische Linie vorzugeben. Jeder, der wollte, durfte kommen - Opportunisten, Karrieristen, Kleinbürger, Marktliberale, Sozialdemokraten. Und alle hatten ihre Vorstellung von »anders sein«. Die Parole war: einfach alles etwas vernünftiger machen (Migration, Klima, Corona, etc.). Man spielte Opposition und warf sich dem System bei erster Gelegenheit an den Hals. Voilà! Ein wahrer Triumph der Offenheit! Zurecht wird das BSW nun entsorgt. Eine politische Partei oder Organsisation kann sich nicht um Fragen scharren, sondern nur um klare (wenn auch vielleicht vorläufige) Antworten.

    Offen kann höchstens bleiben, wie die Macht des Kapitals gebrochen wird, wie die Besitzlosen sich die Macht aneignen, wie sie die Schaltstellen der Macht (Nationalstaat, supranationale Einrichtungen) mit welchen Bündnissen erobern können. Die Besitzlosen? Ach ja, die gute, alte Arbeiterklasse. Anmerkung: Arbeiterklasse ist bei Marx die Klasse der Lohnabhängigen, die keine Produktionsmittel besitzen. Damals waren das vorwiegend Arbeiter, heute sind es mehrheitlich kleine und mittlere Angestellte. Die Arbeitslosen gehören auch dazu. Die Vielen, die heute immer mehr draufzahlen, die immer unzufriedener werden, die immer mehr verstehen, dass sie vom System verarscht werden, die immer mehr »rechtspopulistische« Parteien wie AfD wählen um ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen - nicht zuletzt, weil es keine relevante linke Alternative gibt. Die Chance kann man nutzen - mit einer attraktiven anti-kapitalistischen Partei, mit interessenten Persönlichkeiten und einem überzeugendem Programm.

    Es gibt noch einige Parteien und Organisationen, die sich als marxistisch definieren. Die Beschränktheit ihrer intellektuellen und politischen Kapazität kam gerade in der Corona-Zeit zum Ausdruck. Sie haben gar nicht verstanden, was da ablief. Es fehlte offensichtlich auch an (kritischem) naturwissenschaftlichem Wissen, um die Dinge zu verstehen. Dass die Pharma-Industrie die medizinischen (von Big-Pharma finanzierte Professoren) und politischen Puppen (die von den Profesorchens und Lobbyisten gelenkt werden) auf nationaler wie internationaler Ebene (WHO) tanzen ließ, um mit Propaganda, Übertreibungen, Psychoterror, sinnlosen Lockdown-Maßnahmen, Zensur, etc. die Leute in die Nadel zu treiben und damit Milliarden in ihre Taschen zu lenken. Sie bekämpften sogar die Initiativen, die sich dagegen zur Wehr setzten! Bei dem Klima-Wahn ist es auch nicht viel anders. Auch hier geht es nur um die große Abzocke, von der ein ganzer Industriekomplex lebt - sehr zum Schaden der Bevölkerung, die die Folgen (Preiserhöhungen, Deindustrialisierung, Zerstörung der Energieversorgung, etc.) ausbaden muss. Auch hier laufen die Gehirnwäscheinstitutionen mit Volldampf. Wer das nicht kapiert, versteht gar nicht, wie der Kapitalismus funktioniert, auch wenn er pseudo-marxistisch oder pseudo-klassenkämpferisch plappert.

    Womit wir schließlich bei den Bündnispartnern der sozialistischen Transformation gelandet sind. In dem Punkt hat der Autor recht - es ist notwendig, an realen Bewegungen anzuknüpfen - jedenfalls dann, wenn sie mit kapitalistischer Macht in Konflikt geraten (auch wenn sie das vielleicht gar nicht verstehen). Dann gilt der Marxsche Satz: »Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien«. Die wahre anti-kapitalistische Parole in Bezug auf Impffaschismus und Gesundheitsdiktatur ist: lasst uns die Macht von Big-Pharma brechen, ihre Geschäftsgrundlage zerstören, ihre politischen Lakaien bekämpfen bzw.für ihre Beseitigung sorgen, konzernunabhängige Forschung sicherstellen, Pharma-Lobbyisten eliminieren, viellleich sogar Pharma-Unternehmen sozialisieren, Gesundheitsdiktatur und Zensur beseitigen, etc. Dazu braucht man, nochmals sei es vermerkt, die politische Macht - und die muss man erst erobern.

    Letzter Punkt: nein, die Sprache muss man nicht verwässern. Wer die Sprache verwässert, verwässert die Inhalte. es ist irrelevant, ob reaktionäre Kleinbürger verärgert werden. Nebenbei: es ist auch belanglos, ob die grün gefärbte Arbeiteraristokratie das gut findet oder nicht. Bei der sich nun abzeichnenden fundamentalen Wirtschaftskrise werden erhebliche Teile von ihr sowie in die Niederungen herabgestoßen, wo sich die gewöhnlichen Arbeiter, Angestellten und Arbeitslosen befinden. Dann wird wohl Klimawandel nicht mehr ihre erste Priorität sein.

  9. Ein Punkt an dem Marxismus gezielt fehlleitet ist der darin zentrale Begriff des Eigentums.

    Eigentumsrechte sind aber nichts reales sondern etwas gänzlich formelles. Von einer Macht (einem Staat, einer Ordnungsmacht, oder einfach einer überindividellen Gewalt, etwa in Form eines Heeres oder einer Schlägerbande) abhängig, durch die Eigentumsrechte zugesprochen (und zB juristisch und durch Ordnungskräfte wie Polizei durchsetzbar) oder zugewiesen oder etwa schlicht angeeignet werden (wie im »Wilden Westen«).

    Die wirklich und zugrunde liegende Frage, wenn es um Grundsätzliches geht, also wenn man zB unter der Voraussetzung diskutiert, dass noch gar kein Staat, keine Ordnungsmacht, vorhanden ist, oder die herrschende Ordnung abgeschafft und durch eine andere ersetzt werden soll (was ja Marxisten angeblich wollen), dann darf man nicht von »Eigentum« sprechen, sonder man muss von dem elementaren Begriff ausgehen:

    die VERFÜGUNGSGEWALT über eine Sache.

    Marxismus bzw. Kommunismus will genau und nur eines, wie auch der »real existierende Sozialsmus« bzw. die Sowjetunion und China unter Mao gezeigt haben:

    die Verfügungsgewalt über Sachen wird aus den Händen derer genommen, die sie bisher innhatten UM SIE IN ANDERE HÄNDE ZU GEBEN, in die Hände der Parteikader, in die Hände der Funktionäre, in die Hände der mehr oder minder diktatorischen Führung. (und das wird dann zB als „Volkseigentum“ verbrämt)

    Nun ist interessant, dass das WEF, die Denkfabrik der Superreichen, genau auch an solchen Konzepten arbeitet. Das Motto: »Du wirst nichts besitzen und glücklich sein!« trifft dieses Bestreben sehr gut. Denn bei diesem (oder vielen anderen entsprechenden) PR-Slogan wird gezielt verschleiert, dass dabei die Verfügungsrechte über Sachen von denen, die sie bisher hatten an andere übergehen sollen. Andere, die unter einem Schleier der Unpersönlichkeit und scheinbar objektiven und neutralen Instanzen oder zB nach einer »wertebasierten Ordung«, dann die wirklichen Besitzer (im Sinne der Verfügung darüber) der Sachen sind, weil sie die Nutzung der Sachen dann nach Gusto, enstprechend ihrem persönlichen Wahn (»Klima«, »Viren«, …), oder aufgrund irgendwelcher Marotten zuteilen oder verweigern können.

    Da ist also ein Kommunismus, der die Nutzungsrechte an Sachen verteilt, also über die Sachen verfügt, in nichts anders als das WEF-Ziel solche Nutzungsrechte zu verteilen, wobei bei beiden Konzepten hinter einem extra dafür erzeugten und undurchsichtig aufgebauten scheinbar unpersönlichen, angeblich objektiven Apparat die realen Interessen realer Personen stehen, die sich auf diese Weise Macht verschaffen.
    Bei dem eine Konzept sind es die Kader, Funktionäre und Marxvorbeter, bei dem anderen Konzept sind es die Supperreichen, die sich auf diese Weise auch noch den ganzen Rest aneignen wollen.

    Geht noch weiter …

    1. Wie sieht es denn mit der Verfügungsgewalt über Sachen in einer natürlich gewachsenen Gemeinschaft aus?

      Es wird sich wohl weitgehende Einigkeit darüber herstellen lassen, dass jemand, der etwas vorher Unbrauchbares dem zur Nutzung zusteht und der darüber verfügen können sollte, der dieses Etwas überhaupt erst nutzbar gemacht hat. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein urbar gemachtes Land. Aber auch ein selbst geschnitzter Holzlöffel und ebenso auch ein aus eigener Initiative und persönlichem Einsatz aufgebauter Betrieb der vielleicht sogar Arbeitsplätze (in Form von Raum, Werkzeug, Material, Zulieferer und Vertriebssystem, etc.) anbietet, muss man darunter rechnen. Und genau an der Stelle geht Marx und seine Lehren völlig fehl. Denn da wird so getan, wie wenn Produktionsmittel an Bäumen wachsen würden und nur der Kapitalist sich diese widerrechtlich angeeignet hätte und sie darum zurückgeführt werden müssten in die „Hand der Allgemeinheit“ (die es sowieso nirgends je gab oder gibt weil sich an diese Stelle immer irgend jemand setzt (das kann auch sehr abstrakt aussehen, hat aber immer Personen mit Eigeninteressen darin und dahinter), der behauptet, er wäre im Auftrag der Allgemeinheit tätig).

      (Dies hier ist nur ein Anriss des Themas, zB könnte darüber Uneinigkeit herrschen ob ein Stück Land vorher wirklich nicht nutzbar war und ob das „Urbarmachen“ nicht in Wirklichkeit bzw. in den Augen von jemand anderem nur eine Umwidmung und andersartige Nutzung bedeutet. Oder ob der Holzlöffel aus einem Stück Holz geschnitzt wurde, das jemand anderes zum Heizen oder als Zeltstange verwenden wollte, oder ob die Arbeitsplätze in einem Rüstungsbetrieb, der für Angriffskriege produziert, wünschenswert sind, … Etc.
      Kurz: die Legitimierung von Verfügungsrechten über Sachen ist immer eine Vereinbarung in der betreffenden Gemeinschaft.)

      Aber alleine mit dieser wie ich finde andersartigen Sicht auf „Besitz“ bzw. Verfügungsgewalt und Verteilungsmacht der Nutzungsrechte von Sachen wird dieser ganze Tanz um den „Besitz der Produktionsmittel“, den Marxisten immer und überall aufführen, fragwürdig. Warum ist es besser oder schlechter wenn statt der einen Oligarchie (Reiche, Superreiche) eine andere Oligarchie (Kader, Funktionäre, Schwafel-Heinis und Marxausdeuter) auf allem die Hand drauf hat und den Rest der Gemeinschaftsmitglieder die Nutzungsrechte gibt oder vorenthält wie es angeblich irgendwelche Gesetze, Regeln, „Gottesentscheide“ oder von mir aus auch „KI“-Aussonderungen vorgeben würden – es tatsächlich aber in jedem der beiden Fälle nur um den Nutzen (Wohlstand, Machterhalt, Ego-Aufblähung, Bereicherung, …) dieser Oligarchie geht.

      Um das nochmal klar zu machen: mir geht es hier nicht darum eine anderes Gesellschaftssystem auszudenken oder vorzuschlagen. Dazu habe ich und auch viele andere Ideen, die nah oder auch weit weg sowohl von Marx wie auch von „Rechts“ angesiedelt sind. Ideen, die auf der (nicht „linken“ weil dieser Begriff völlig verhunzt ist, sondern auf der) antiautoritären, antihierarchischen, basisdemokratischen, der Kantschen Aufklärung verbundenen Seite der Politik angesiedelt sind. Eine Seite, die meilenweit von marxistische-ideologischem Denken entfernt ist, weil nämlich Marx und sein Diktatur-Konzept völlig RECHTS angesiedelt ist im Spektrum der Politik zwischen dem Maximum von Freiheit und Selbstverantwortlichkeit und Antidogmatismus (was mit dem heutigen „links“ überhaupt nichts mehr zu tun hat) und dem Gegenpol, der Indoktrination, der Zwangsbeglückung, der Oligarchenherrschaft und letztlich Ausbeutung und Bedrückung der Vielen von Wenigen, wo sich WEF-Agenda und Marx-Phantasien genau besehen nur geringfügig unterscheiden.

      Klar sollte noch sein, dass ich hier nicht über Konzerne, Aktiengesellschaften, Globale Wirtschaftskolosse, Manager-geführte Profitoptimierungsmaschinerien rede, schon gar nicht von Geldbesitz (ein ganz anderes, sehr weites, sehr wichtiges Thema: die Zinsfunktion der substanzlosen Papiere, Soll- oder Haben-Einträgen und Geldnoten) sondern von dem prinzipiellen Eigentumsbegriff, bzw. der gemeinschaftlich geregelten Organsierung und Legitimierung von Verfügungsgewalten.

      Erst muss mit den Fehlleitungen durch die Marxschen Schriften (sofern sie eh nicht vielmehr von Engels waren) Schluss gemacht werden, bevor die westliche Gesellschaft einen weiteren Fortschritt aus der Ausbeutung und Bedrückung durch Wenige heraus machen kann. Gerade wollen die aktuellen Herrscher uns wieder in einen heißen(!) Krieg treiben. Einen Krieg, den einizg nur die wollen, die ihn nicht erleiden müssen. Die aber durch solche Kriege ihre Herrschaft sichern und ihre Profite in Sicherheit bringen können. Und gleichzeitg ihre immer offener sichtbar werdende unmenschliche Fresse hinter der brutalen Fratze des Krieges verstecken können.

      Eine widerliche, brutale Fresse, hinter der komischerweise Hundertausende »Linke« und ihre NGOs und Antifa hinterherrennen und für diese »Demos gegen rechts« aufführen und sich einbilden für »unsere Demokratie« gegen rechte Horden zu kämpfen - während die wahren RECHTEN wo ganz anders sitzen, NÄMLICH AN DER MACHT, und sich die gichtigen Hände reiben ob so viel Blödheit »linker Intellektueller« (und wie viel davon sind gesteuert und bezahlt weil »linke« Ideologie sich so gut benutzen lässt um Jugend zu verführen) und deren hörige Schar.

      Nur noch ein Hinweis: es ist nicht die AfD die uns gerade in einen grausamen Krieg mit einem sympathischen Brudervolk treibt. Aber statt gegen diese widerlichen Hetzer in Politik und Medien zu demonstrieren, die uns alles nehmen wollen, bis hin zu Gesundheit und Leben, werden Parteitage von machtlosen AfD-Mitgliedern belagert. Und ja, was könnte denn noch schlimmer sein mit einer AfD-Regierung als es jetzt schon ist und auch völlig ohne AfD immer noch schlimmer wird? Weil wir es uns gefallen lassen - und daran haben »Linke« einen sehr beträchtlichen Anteil, dass das so ist und bleibt. (man denke nur mal an den Coronamaßnahmen-Widerstand. Wo stand da die »Linke« in ihrer vollen Größe und mit ihren Chef-Schwaflern? Oder wo ist die »linke« Furore wegen dem anstehenden Krieg?)

      Schämt Euch, »LINKE«! Ihr seid auf dem völlig falschen Dampfer. In allem!

  10. Wie soll in der digitalen Welt eine antikapitalistische Position wirksam sein? Funkmasten, Endgeräte, Datenkabel, Verteilung von Datenströmen sind samt und sonders unter privater Kontrolle mithilfe des Staatsapparates und werden komplett überwacht. Alles was man liest wird protokolliert und kontrolliert. Sei es automatisiert, sei es personell. Jedes lesen eines Blogs ist wie ein Anruf und das virtuelle Sitzen neben dem Redakteur, der den Leser zum Produkt macht. Das Internet ist nicht das richtige Medium für eine Umwälzung der Eigentumsverhältnisse. Eine Revolution kann nicht kontrolliert sein, sie muss frei sein. Die Reaktion hat ihren Lenin gelesen: Milliarden in Propaganda, Schlüsselstellen besetzen etc. Das kann nicht die Antwort sein. Allein die Eigentumsfrage auf die gesamte digitale Infrastruktur inklusive Software und Hardwareproduktion zu beziehen wird selten bis gar nicht propagiert. Und jeder Journalismus ist Propaganda. Zu finden ist in diesem Journalismus/Propaganda nette Unterhaltung, teils auch kritisch. Hauptsächlich aber reaktionäres Geschwätz. Und selbst wenn die Propaganda umgedreht wäre: Was ist mit Militär und Justiz? Wer propagiert die Umwälzung davon (kontrolliert und überwacht!) in der digitalen Welt? Das wirkt bei genauerer Betrachtung bizarr. Antworten darauf muss eine oben erwähnte Avantgarde geben. Nur: wo ist sie, die Avantgarde? Pfeif auf Bauchgepinsel: weder der Autor dieses Kommentars noch irgendeiner hier in diesem Blog gehört dazu. Woher Avantgarde zaubern ohne Masse (Quantität--Qualität)?

    1. Nachtrag

      Das von Gausmann angesprochene Konzept der Organisierung als „Lernprozess“ war in der Außerparlamentarischen Linken sehr verbreitet. Das Sozialistische Büro (SB) vertrat es, und es war Inspiration für eine Unmenge von Literatur über Gruppendynamik, Symbolische Interaktion, „Berufs“-Revolutionärstum und dergleichen.

      Es gab tatsächlich eine Zeit, in der es in weiten Teilen der Linken als nahezu selbstverständlich praktiziert wurde.

      Diese Zeit ist lange vorbei.

      Kritische „Lernprozesse“ setzen unter den heutigen Bedingungen eine sehr strikte Selbstabschottung der Teilnehmer vom kapitalistischen Alltag voraus. Die ganze „Postautonomie“ mit ihrer oft extremistischen Fetischisierung des anti-konformen Lebensstils ist eine Reaktion auf die wachsende Bedrohung experimenteller Formen der Organisierung, wobei die nötige „lebensweltliche“ Abschirmung auf Dauer zum größten Hindernis des „Prozesses“ werden kann. Strenges Sektierertum greift um sich.

      Organisierung als Lernprozess ist, realistisch angesehen, heute nurmehr einem kleinen besserverdienenden Teil der Linken in sehr beschränktem Umfang möglich. Er hat jedoch bereits eine beträchtliche Anzahl von Leichen in den Kellern. Nur die Harten kommen in den bürgerlichen Garten.

      Auch der „Lernprozess“ als organisatorisches Paradigma ist also Gegenstand eines Lernprozesses, der, nebenbei, seit längerem abgeschlossen ist.

      Sein Resultat: Besser sogleich richtig anfangen!

      Für die kommunistische Avantgarde des Proletariats!

      i.A. T.E. . Reprokol /Arrieregarde

    2. Nachtrag

      „Allein die Eigentumsfrage auf die gesamte digitale Infrastruktur inklusive Software und Hardwareproduktion zu beziehen wird selten bis gar nicht propagiert.“ (PartyWeirdo)

      PartyWeirdo streift eine brennende Frage der Bewegung - und die „Untersuchung“ läuft.

      Es ist aber gewiss ebenso richtig, hier zu verschwinden…

      Insofern:

      Tschüss und Busserl!

      T.E. (Arrieregarde)

      https://www.youtube.com/watch?v=rh6C4Zpvngc

    1. Danke, PW, habe noch etwas geschrieben für den Anthroposophen-Thread und bin dann aber auch weg. Keine Zeit, die »Auswertung« abzuwarten … und die Wahlen.

      Solidarität, nebenbei, mit allen von AfDlern bedrohten Kolleginnen und Kollegen im Umkreis der FL und darüber hinaus!

      Auch alles Gute!

      1. »Solidarität, nebenbei, mit allen von AfDlern bedrohten Kolleginnen und Kollegen«

        Und wo ist die Solidarität mit den von der Regierung und der »unserer-Demokratie«-Querfront bedrohten Kollegen (m/w, natürlich!) und überhaupt die Solidarität MIT UNS BÜRGERN angesichts einer kriegsvorbereitenden Regierungs-Politik und Medienlandschaft?

        Seid ihr wirklich alle so be…scheiden im Kopp. Da ist nichts mehr zu retten?

  11. Interessant, wie der Text die ganze Reform-oder-Revolution-Dichotomie abhakt – dass beide Wege sich erschöpft haben, ist ja ziemlich provokativ für eine Linke. Das mit den Rissen im System, in denen man bauen könnte statt dagegen anzurennen, klingt jedenfalls weniger aussichtslos als die üblichen Debatten.

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